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System könnte kippen: Wird Bares bald Rares?

29.04.2022 12:06 Uhr
Bargeld_Scheine
Bargeld ist nach wie vor ein beliebtes Zahlungsmittel bei den Deutschen, es verliert jedoch an Popularität.
© Foto: Vegefox.com/stock.adobe.com

Die Pandemie hat unseren Alltag und somit auch unser Bezahlverhalten beeinflusst. Kontaktloses Bezahlen hat einen starken Aufwärtstrend erfahren. Der HDE fordert eine Strategie, damit das System Bargeld nicht kippt.

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Die Deutschen haben ihr Bargeld geliebt. Doch durch die Corona-Pandemie breitet sich ein Trend aus, der vom Bargeld weg zum kontaktlosen Bezahlen geht. Ganz vorne dabei ist die Girocard als beliebtestes kontaktloses Zahlungsmittel mit einem Anteil von 72,6 Prozent. Rund drei Viertel der Deutschen nutzen diese beim Einkaufen. Nur noch 41 Prozent des Umsatzes wird laut EHI Payment-Studie aus dem Jahr 2021 bar abgewickelt. Nun befürchtet der Deutsche Handelsverband (HDE), dass durch diese Entwicklung auf längere Sicht weniger Bargeld im Umlauf sein wird und die Distributionskosten für den Handel so stark ansteigen, dass Bargeld keine rentable Alternative mehr darstellt.

Ernst Stahl, Payment-Experte und Direktor des ibi Research-Instituts Regensburg, vergleicht den Einfluss der Pandemie auf das Bezahlverhalten mit einem schwarzen Schwan. Ein schwarzer Schwan steht für ein Ereignis, das sehr unwahrscheinlich ist. Niemand hätte gedacht, dass schwarze Schwäne existieren, erklärt er. Doch es gibt sie tatsächlich in West-Australien. Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Bezahlverhalten. Es schien kaum vorstellbar, dass die Deutschen auf Bargeld verzichten würden, doch durch die Pandemie hat sich das Zahlverhalten verändert.

Laut Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte beim HDE, hat „die Entwicklung zum unbaren Zahlen in einem Jahr einen Schub erhalten, der in den Vorjahren nur in etwa fünf Jahren möglich“ gewesen wäre. Er ist sich sicher,
„der Trend weg vom Bargeld wird anhalten“. 

Der Euro feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Er ist nicht nur ein wichtiges Element unserer Demokratie und steht für Anonymität und Freiheit, sondern ist auch sicher vor Cyberangriffen und Stromausfällen. Bei all den Diskussionen um Kryptowährungen sowie den digitalen Euro, der zurzeit von der Europäischen Zentralbank getestet wird, entsteht jedoch der Eindruck, dass das Bargeld an Popularität verliert. Der HDE sieht das Bargeld aufgrund dieser Entwicklungen in Gefahr. Binnebößel erklärt das so: „Bargeldhandling wird zunehmend teurer, da es mit hohen Fixkosten belegt ist. Vor dem Hintergrund der abnehmenden Nutzung und steigenden Kosten besteht die Gefahr, dass das System Bargeld kippt.“ Unternehmen könnten sich laut Binnebößel aufgrund der hohen Kosten dazu entscheiden, auf die Bargeldakzeptanz zu verzichten. „Verbraucher würden dies adaptieren und auch bei weiteren Unternehmen Barzahlung nicht mehr erwarten oder nutzen. Dies hätte Folgeeffekte, so dass am Ende eine Akzeptanz grundsätzlich in Frage gestellt wird.“

Bankfilialschließungen, weniger Geldautomaten, steigende Bearbeitungskosten, Barzahlungs-Obergrenzen und die Konzentration auf unbare Zahlarten bringen Herausforderungen für die Bargeld-Infrastruktur mit sich. Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat die Europäische Zentralbank im Jahr 2020 die „Bargeldstrategie 2030“ entwickelt. „Diese beinhaltet, dass das Eurosystem dafür sorgt, dass Bargeld und diesbezügliche Dienstleistungen verfügbar sind und Banknoten sowie Münzen angenommen werden. Ebenso verpflichtet sich das Eurosystem dazu, innovative und sichere Euro-Banknoten zu entwickeln, die zudem ökologisch nachhaltig sind“, so Johannes Beermann, Bargeld-Experte und Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank.

Der HDE fordert jedoch eine Strategie, die tiefer geht. „Es fehlen genaue Festlegungen, wie im Detail die Bargeldversorgung der Kunden und die Bargeldlogistik im Handel organisiert wird“, kritisiert Binnebößel. Der Handel brauche Planungssicherheit über die weitere Entwicklung des Bargelds. Es müsse festgelegt werden, wer welche Verantwortungen im Bargeldkreislauf wahrnimmt und wie die Lastenverteilung geregelt wird. Weiterhin solle aber auch der Blick über Bargeld hinaus gerichtet werden und eine umfassende Diskussion über die Ausgestaltung des künftigen Zahlungsverkehrs erfolgen, fasst Binnebößel die Forderungen des HDE zusammen.

Was wären die Konsequenzen, wenn es kein Bargeld mehr geben würde? Während Beermann von der Deutschen Bundesbank dieses Szenario für vollkommen ausgeschlossen hält, erklärt Binnebößel, die Herausforderungen einer bargeldlosen Gesellschaft: „Bargeld dient durchaus als Korrektiv im Zahlungsverkehrsmix des Handels. Würde es fehlen, könnte der oligopolistisch geprägte Markt unbarer Systeme seine Bedeutung festigen. Zudem müsste es im Falle von Ausfällen der unbaren Zahlungsmittel Notfallsysteme geben, die offline arbeiten.“

In Zukunft sieht Binnebößel das Bezahlverhalten stark von digitalen Trends wie dem NFC-Verfahren sowie Mobile Payment geprägt. „Self-Scanning und SelfCheckout sind hier die Stichworte. Erste kassenlose Märkte und Geschäfte ohne Personal werden derzeit getestet oder ausgerollt“, erklärt er. Auch an Tankstellen setzt sich die Smart-Pay-Methode bereits jetzt durch. Das Bezahlen per Smartphone direkt an der Zapfsäule sorgt für Zeitersparnis beim Tanken und weniger Stress für den Kunden. Auch erste unbemannte Shop&Go-Konzepte wie beim OMV-Konzern in Österreich werden derzeit getestet.

Zurzeit klingt das noch nach einem Nischenphänomen. Doch in Zukunft können sich aus dem veränderten Zahlungsverhalten und den neuen Kundenbedürfnissen Folgen für das Bargeld ergeben. Technisch wäre eine Welt ohne Bargeld inzwischen möglich. Das zeigt auch ein Forschungsbericht des schwedischen Handeslrats zur bargeldlosen Gesellschaft. Demnach werde es sich für Händler in Schweden in circa einem Jahr nicht mehr rentieren Bargeld anzunehmen. Die Visa-Studie „Back to Business“ aus dem Jahr 2020 prognostiziert, dass mehrere Länder (darunter die Bahamas, Schweden und Finnland) bis zum Jahr 2023 Digitalisierungsmaßnahmen zur Abschaffung des Bargelds einleiten werden. Zudem werde das Bargeldvolumen im Jahr 2024 erstmals weltweit sinken. Auch werden sich neue Bezahltechnologien wie internationale
Echtzeit-Überweisungen, Apps mit eigener Bezahlfunktion, Cyberwallets und Kryptowährungen in Europa weiter durchsetzen, so eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC.

Wahrscheinlich ist, dass Kartenzahlung, Kryptowährung und Bargeld nebeneinander existieren werden, denn der Markt wird immer das anbieten, was die Kunden wollen. Auch die Entwicklung nach der Pandemie wird dafür entscheidend sein. „Jedes Zahlungsmittel hat Vor- und Nachteile“, sagt Beermann. „Der Deutschen Bundesbank ist wichtig, dass die Bürger die freie Auswahl haben und dass ihr Zahlungsmittel der Wahl immer zur Verfügung steht“, ergänzt er. Eine Gesellschaft ohne Bargeld würde zurzeit (noch) gegen die Präferenzen der deutschen Bevölkerung verstoßen. Daher fordert der HDE eine planbare Zukunft durch eine angepasste Bargeldstrategie. (sh)

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