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Interview mit Alexander Krug: Verschwinden Tankstellen mit dem Verbrenner?

Alexander Krug ist Partner der Automobil Practice von Arthur D. Little. Der studierte Betriebswirt verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Automobilindustrie beziehungsweise in der Beratung. Krugs Beratungsschwerpunkte liegen im Bereich der Elektromobilität sowie dem Aufbau der erforderlichen Infrastruktur.
© Foto: Arthur D. Little

Berater Alexander Krug im Interview über den bisher größten gekannten Wandel in der Geschichte der Mobilität, neuartige Mitbewerber und geeignete Strategien, um mit einer Tankstelle zu überleben.

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Herr Krug, Sie stellen sich die Frage, ob Deutschlands Tankstellen mit dem Verbrenner sterben. Wie lautet Ihre Antwort?
Krug: Nein, die Tankstellen werden definitiv nicht sterben. Allerdings müssen sie sich neu erfinden. An der Tankstelle wird es in Zukunft verstärkt Strom wie auch andere alternative Kraftstoffe wie E-Fuels und Wasserstoff geben. Schon heute sehen wir an verschiedenen Standorten, dass sich die Betreiber mit Schnellladesäulen, sogenannten HPC-Ladern, für die Zukunft rüsten. Vorreiter sind hier aktuell Shell und Aral. Mit der Transformation der Mobilität ändert sich natürlich auch das Nutzungsverhalten der Verbraucher. Wichtiger werden zum Beispiel Standortvorteile in Metropolregionen. Es wird entscheidend, die Aufenthaltsdauer beim Ladevorgang angenehm zu gestalten, auch um neue Umsatzströme zu generieren: vom Bistro über Shopping. Dies macht ja heute schon einen großen Anteil der Erlöse bei Tankstellen aus. Der Trend wird sich noch fortsetzen, da die längere Verweildauer durch das Laden natürlich mit höheren Umsätzen korreliert.

Was macht Deutschland in puncto Mobilitätswandel anders als die übrigen Länder Europas?
In Europa gibt es erhebliche Unterschiede im Hochlauf der Elektromobilität, aber auch in puncto Netzausbau. Der Stellenwert des Themas, ökologisches Bewusstsein ist in Mittel- und Nordeuropa im Vergleich recht stark. Jeder Urlauber kennt Eindrücke von Verkehr und Fahrzeugen aus Südeuropa. Neben den skandinavischen Staaten und den Niederlanden ist Deutschland hier in den letzten Jahren zum Vorreiter avanciert. Über das Henne-Ei-Problem zwischen Ladeinfrastruktur und E-Autos ist viel berichtet worden. Hierzulande ist der Trend aber eindeutig positiv, die Elektromobilität ist längst nicht mehr in der Nische. Deutschland als weltweit anerkannter Automobilstandort hat natürlich ein Interesse daran, dass sich dieser Trend beschleunigt und andere Märkte erfasst.

Stand heute haben Tankstellen mit dem Verkauf von Kraftstoffen ein Alleinstellungsmerkmal. Mit alternativen Antriebsformen, primär der Elektromobilität, tauchen immer mehr Mobilitätsanbieter auf dem Markt auf. Wie können Tankstellen ihre Daseinsberechtigung künftig behaupten?

Standortqualität ist hier besonders wichtig. Die kleine „Zweizapfsäulentankstelle“ auf dem Land wird es schwieriger haben. In ländlichen Regionen wohnen die Menschen anders, verfügen oft über die Möglichkeit, am Eigenheim zu laden. Je urbaner die Region, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Verbraucher auswärts laden. Vor der Haustür können etwa in Hamburg die wenigsten laden. Alleinstellungsmerkmal der Tankbeziehungsweise Ladestellen von morgen ist in meinen Augen die „Charging Experience“. Die Energieriesen verfügen über attraktive Flächen, die spannende Nutzungskonzepte bieten werden. Trendsetter sind aktuell aber auch die Automobilhersteller und Start-ups. Allen voran OEM Audi, welcher in Charging-Hubs den E-Mobilisten Lounges, Gastronomie oder sogar ruhige Arbeitsbereiche bietet. Dies ist die zukünftige Konkurrenz und dagegen müssen sich die Tankstellen rüsten.

Wie genau können sie sich rüsten, welche Vorteile haben Tankstellen gegenüber ihren neuen Mitbewerbern auf dem Markt der (alternativen) Kraftstoffe und wie können sie diese konkret umsetzen?
Betrachten wir zunächst das Laden: Viele Standorte bieten bereits heute Angebote rund um das Thema Experience. Auch Kooperationen gibt es ja bereits: Denken Sie an Aral und Rewe to go. Ein wichtiges Asset ist ferner auch das Personal vor Ort. Es wird hier sicherlich Servicepakete geben, die andere Anbieter so nicht bieten. Ich denke hier zum Beispiel an Waschmöglichkeiten. Wenn wir über den Bereich nachhaltiger Kraftstoffe sprechen, muss man sagen, dass sich an der strategischen Ausgangslage wenig ändert. Ob E-Fuel oder Wasserstoff – die Tankerfahrung wäre von der heutigen kaum zu unterscheiden.

Warum haben die Mineralölkonzerne nicht schon längst reagiert und zum Beispiel anständige Bistrokonzepte geliefert, um den Elektromobilisten einen Verweilort aufzuzeigen – und dem Tankstellenbetreiber Umsatzpotential?
Untätig war man natürlich nicht. Konzepte und Kooperationen gibt es ja bereits. Allerdings ist die Transformation gerade erst in Gang gekommen. Die Energieriesen müssen aufpassen, ihre Angebote nicht am Markt vorbei zu entwickeln. Inzwischen ist jedoch klar, dass in westlichen Märkten die Zukunft auf absehbare Zeit elektrisch ist. Das schafft Planungssicherheiten. Außerdem lädt ein Charging-Hub wohl eher zum Verweilen ein als eine Tankstelle, denken Sie hier an Abgasbelästigungen etc.

Wann ist der ideale Zeitpunkt, um aktiv zu werden?
Ich glaube, der ideale Zeitpunkt ist heute. Es ist noch nicht zu spät! Aber das Zeitfenster, um in den Markt einzusteigen, wird mit dem Hochlauf der Elektromobilität immer kleiner. Die Konkurrenz ist schließlich auch eine andere als noch vor zehn Jahren, ob Utilities, OEM oder Startups: viele Player mischen im Ökosystem mit. Daher gilt es nun, die eigenen Assets wie auch das Know-how zu nutzen und zukunftsfähig zu machen.

Wie werden sie denn zukunftsfähig? Was raten Sie Tankstellenbetreibern ganz konkret, die nicht in einigen Jahren mit ihrer Station untergehen wollen?
In meinen Augen ist hier ernsthaft zu überlegen, ob man sich einer Kette anschließt. Die nun anstehenden Schritte und Herausforderungen machen für meine Begriffe nur im Verbund Sinn. Skaleneffekte sind hier der Schlüssel. Der Chargingmarkt funktioniert viel stärker als bisher über die Größe!

Wie wird sich die Zahl der Tankstellen, so wie sie heute existieren, entwickeln?
Eine Prognose hängt natürlich an vielen Stellschrauben. Besonders in puncto Regulatorik ist eine Vorhersage nicht leicht. Wir gehen davon aus, dass selbst im Jahr 2030 immer noch rund 40 Prozent der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ausgestattet sind. Auch in den nächsten 20 Jahren wird es noch Verbrenner hierzulande geben: Wer heute einen Neuwagen kauft, hat den Anspruch, diesen einige Zeit zu fahren. Insofern wird der Bedarf an klassischen Tankstellen nicht von heute auf morgen einbrechen. Es wird vielmehr darum gehen, sich schon heute zweigleisig aufzustellen. Standorte, welche bereits heute zu wenig Frequenz erleben, werden es in Zukunft noch schwerer haben.

Was bedeutet Mobilität in zehn Jahren?
In zehn Jahren wird vor allem die urbane Mobilität elektrisch sein. Gerade in diesem Raum werden autofreie Konzepte wichtiger, um Innenstädte attraktiv zu halten. Wichtiger werden außerdem neue Nutzungskonzepte für Fahrzeuge. Über das Sharing ist viel diskutiert worden, ich glaube, wir werden hier noch einen Durchbruch sehen. Auch Ideen wie das Autoabo werden gewinnen, entsprechen sie doch dem Zeitgeist. Der ganz große Gamechanger der Industrie ist natürlich das autonome Fahrzeug. Inwieweit dies in zehn Jahren bereits Realität ist? Eine seriöse Prognose wage ich nicht.

Stehen Tankstellen vor dem größten bisher gekannten Wandel in der Geschichte der Mobilität?
Dies kann man bejahen. Das Auto, wie wir es heute kennen, existiert in dieser oder
einer ähnlichen Form seit mehr als hundert Jahren. Der Umbau des Antriebsstrangs ist eine Zäsur: nicht nur für die
Energieriesen auch für die OEM und natürlich die Verbraucher.

Abgesehen vom Mobilitätswandel: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Tankstellenbranche und wie gehen Tankstellenunternehmer perspektivisch am besten damit um?
Für die Energieriesen ist natürlich die Transformation des Geschäftsmodells eine echte Herausforderung. In diesem Zusammenhang kann man auch die ESGAnforderungen besonders betonen. Verschiedene Stakeholder machen Druck, den Umbau der Konzerne voranzutreiben – Regulatoren, Verbraucher, Kapitalgeber etc. Gerade in 2020, mit negativen Ölpreisen, sah die Ausgangslage für die Transformation gefährlich aus. Heute hat sich mit steigenden Rohstoffpreisen das Blatt gewendet. Kapital für die Transformation ist vorhanden. Man kann die Weichen für eine nachhaltigere Zukunft stellen. (bg)

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KOMMENTARE


Rieß

11.04.2022 - 12:53 Uhr

Artikelzitat: ,,Außerdem lädt ein Charging-Hub wohl eher zum Verweilen ein als eine Tankstelle, denken Sie hier an Abgasbelästigungen etc. ,,Wenn ich das schon lese "Abgasbelästigung". Wir haben inzwischen die saubersten Verbrennungsmotoren, die je entwickelt worden sind. Er sollte mal zurückdenken.


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