Mittwoch, 22.05.2019
17.04.2019
   

Interview Sandro Megerle

Sandro Megerle Trendone

Trendforscher Sandro Megerle

Angst vor dem Fail

Sandro Megerle, Senior Innovation Analyst bei Trendone, erklärt im zweiten Teil des Interviews, warum die Deutschen beim Thema Digitalisierung anderen Ländern hinterherhinken.

Herr Megerle, wenn Sie Beispiele für Digitalisierung anführen, kommen diese immer aus anderen Ländern. Warum hinkt Deutschland hier so hinterher?
Das hat mehrere Gründe. Wenn man weit ausholt, liegt das erstmal allgemein an der Unternehmenskultur. In Deutschland wird das sogenannte Fail beziehungsweise das Risiko eines Fails nicht so gern begangen. Im angloamerikanischen Raum sind die Gründer viel risikofreudiger. Das ist oft dadurch bedingt, dass man risikofreudiger investiert. Man kann einfach mal probieren, neue Innovationen auf den Markt zu bringen und ein Gründer, der es nicht geschafft hat, eine Innovation im Markt zu verankern, ist nicht gleich als gescheitert gebrandmarkt wie in Deutschland. Er wird eher dafür respektiert, dass er das Risiko gewählt hat. Ein anderer Grund ist politisch gesehen meiner Meinung nach die falsche Fokussierung von Mitteln. Nur als Beispiel: Die Auto­branche hat 800.000 Arbeitsplätze, die relevant sind. Die Zukunftsbranche digitale Vernetzung bietet allein in den nächsten fünf Jahren 1,5 Millionen Arbeitsplätze, die entstehen könnten.

Apropos Digitalisierung: Welche Payment­lösungen sehen Sie für die Tankstellen?
Die Trends gehen allgemein zum mobilen Bezahlen. Google Pay und ­Apple Pay sind jetzt auch in Deutschland verfügbar. Die verschiedenen Systeme verursachen natürlich auf Seiten des Tankstellenbetreibers Kosten. Aber die Kunden möchten nicht darüber nachdenken, wie sie bezahlen können. Deswegen obliegt es meiner Perspektive nach dem Händler, alle möglichen und betriebswirtschaftlich vertretbaren Bezahllösungen anzubieten, um dem Kunden entgegenzukommen.

Wie weit sind neue Bezahllösungen in anderen ­Ländern?
In den USA gibt es jetzt das Amazon-Go-Konzept. Das sind Filialen, die komplett ohne Personal auskommen. Über eine Sensorik im Regal und eine Kamera wird erkannt, ob ein Produkt entnommen wurde. Das wird auf eine Liste gesetzt und die Liste wird über die Primecard abgerechnet. In den Niederlanden gibt es das Unternehmen Albert Heijn, dort kann ich mit meiner Kundenkarte direkt am Regal bezahlen. Ich nehme mir zum Beispiel das Red Bull, lege meine Kundenkarte an das Digital-Shelf-Label, also das digitale Regalschild. Dort wird der  Bezahlprozess vorgenommen und ich kann die Filiale direkt wieder verlassen. Das kann ich mir für Tankstellen vorstellen, wo ebenfalls niemand lange warten möchte.

Wo liegt der Vorteil für den Kunden?
Mit innovativen Bezahlmethoden kann man den Checkout-Prozess deutlich beschleunigen. Ein Problem ist natürlich die Verifikation des Alters für Alkohol- und Tabakwaren, aber auch da gibt es schon Lösungen, über gesichtsbiometrische Ansätze das Alter zu verifizieren. Das würde die letzte Hürde nehmen, dass überhaupt noch eine Person in einer Verkaufsfläche, zum Beispiel in der Tankstelle, vor Ort sein müsste. Dass die Tankstelle in Zukunft einen 400-Euro-Jobber braucht, der abends durch die Klappe die Snickers ausgibt, das kann sich damit ganz schnell erledigt ­haben.

Können sich Tankstellen das Thema Influencer­marketing zunutze machen?
Natürlich können sie das. Entscheidend ist, wie man die entsprechenden Influencer auswählt. Die müssen genau zum eigenen Angebot passen. Es gibt die reichweitenstarken Influencer, die hunderttausend oder mehr Follower haben. Spannend sind sogenannte Mikro-Influencer. Die haben vielleicht nur zweitausend oder dreitausend Kontakte, aber stehen im regen Austausch mit ihnen, da ist die Kommunikation viel tiefer. Wenn es zum Beispiel einen Trucker-Influencer gäbe, kann der den entsprechenden Autohof viel besser in seiner Klientel verankern als ein reichweitenstarker Teenie-Influencer.

Ist das auch ein sinnvolles Marketinginstrument für einen Mittelständler oder einen Betreiber einer einzelnen Tankstelle?
Da kommen wir wieder zu meiner Anfangsthese: Es kommt stark auf die Auswahl des Influencers an. Wenn der Betreiber feststellt, es gibt in seiner Region oder in seiner Heimatstadt eine reichweitenstarke Person, dann wäre es interessant, diese Person an Bord zu holen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es sich für einzelne Betreiber lohnt. Natürlich muss man die Entlohnung passgenau mit dem entsprechenden Influencer regeln, also ob eine einmalige Zahlung reicht oder ob er eine Art Affiliate-Entlohnung, also eine Provision, bekommt. Ich würde mich als kleiner Unternehmer eher auf das Lokale beziehen und lokale Influencer, soweit es die gibt, an Bord holen.

(Das Gespräch führte Julia Richthammer; Das Interview erschien in Sprit+ Ausgabe 4/2019.)

Zum ersten Teil des Interviews in Ausgabe 3.2019

 

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