Ein Gastbeitrag von Christian Warning, Gründer und Managing Partner, The Retail Marketeers
Ich muss mit einem Geständnis beginnen: Ich heiße Christian. Statistisch gesehen gehöre ich damit seit Kurzem zum Problem.
Zehn Jahre lang war Thomas der häufigste Vorname in den Vorständen der 160 Börsenunternehmen in DAX, MDAX und SDAX. Der aktuelle Bericht der deutsch-schwedischen Allbright Stiftung vom Oktober 2026 zeigt: Diese Ära ist vorbei. Am 1. September 2026 saßen erstmals mehr Christians (23) als Thomasse (22) und Michaels (22) in den Vorständen.
Ganz oben ist das Bild noch deutlicher. Unter den Vorstandsvorsitzenden gibt es fast doppelt so viele Christians (11) wie Frauen (6). Die Allbright Stiftung bringt es auf den Punkt: "Thomas heißt jetzt Christian, sonst ändert sich nichts."
Neuer Name, altes Muster
Am 1. September 2026 saßen in den Vorständen der 160 Börsenunternehmen 550 Männer und 143 Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von 20,6 Prozent. 58 der 160 Unternehmen haben noch immer keine einzige Frau im Vorstand.
Die Neuberufungen der vergangenen zwölf Monate zeigen, warum es so langsam vorangeht:
- 78 Prozent der zwischen September 2025 und September 2026 neu berufenen Vorstandsmitglieder sind Männer.
- Nur eine Frau wurde in diesem Zeitraum neu als CEO berufen.
- Das typische neue Vorstandsmitglied gleicht dem typischen bisherigen fast aufs Haar: männlich, deutsch, ausgebildet in Westdeutschland, mit Wirtschafts- oder Ingenieurstudium. Der einzige Unterschied ist der Jahrgang 1973 statt 1971.
- 26 Jahre würde es im Tempo der vergangenen fünf Jahre noch dauern, bis die Vorstände paritätisch besetzt sind.
Das Talent ist da, es wird nur nicht gesehen
Ein Befund sollte jede Unternehmerin und jeden Unternehmer aufhorchen lassen. 70 Prozent der neu berufenen Vorständinnen kamen von außen, meist über Headhunter. Bei den Männern waren es 45 Prozent. Männer machen Karriere im eigenen Haus, Frauen müssen dafür häufig das Unternehmen wechseln. Die Allbright Stiftung sieht hier Verbesserungspotenzial im Talentmanagement der Unternehmen. Anders gesagt: Das Talent ist da, es wird nur nicht gesehen.
Dass es anders geht, zeigt Zalando. 2019 lautete die Zielgröße für Frauen im Vorstand dort noch "null", heute liegt der Frauenanteil bei 40 Prozent. Die 40 DAX-Konzerne haben ihren Anteil auf 28,5 Prozent gesteigert. Veränderung passiert, wenn man sie will.
Größter Bremsklotz ist die Automobilindustrie
Den größten Bremsklotz macht der Allbright-Bericht in der Automobilindustrie aus. Keine andere Branche ist heute noch so männlich dominiert. Die meisten Autobauer haben nicht mehr als die eine gesetzlich vorgeschriebene Frau im Vorstand.
Die Autoindustrie ist unser direkter Nachbar. Die Tankstellen- und Convenience-Branche ist in derselben Welt aus Motoren, Zapfsäulen und Logistik groß geworden. Wer ehrlich in die Führungsetagen von Mineralölgesellschaften, Tankstellenbetreibern und Lieferanten schaut, weiß: Wir sind nicht weit davon entfernt.
Gleichzeitig verändert sich unser Geschäft schneller denn je. Die Tankstelle wird vom Ort, der Fahrzeuge versorgt, zum Ort, der Menschen versorgt: Food, Kaffee, Ladezeit, reibungslose Convenience. Unsere Kundinnen und Kunden sind so vielfältig wie die Gesellschaft. Führungsteams, in denen alle gleich aussehen, tun sich schwer, Kundschaft zu verstehen, die anders aussieht als sie.
Der wirtschaftliche Nutzen ist gut belegt. Studien, auf die sich Harvard DCE und Russell Reynolds Associates beziehen, verbinden gemischte Führungsteams mit höherer Profitabilität und besseren Renditen. Diverse Teams sind zudem krisenfester und gewinnen leichter Talente, und das in einem Arbeitsmarkt, in dem jede gute Stationsleitung und jeder gute Category Manager schwer zu finden ist.
Die Frage ist also nicht, ob wir uns mehr Frauen in Führung leisten können. Die Frage ist, wie lange wir es uns leisten können, auf sie zu verzichten.
Die entscheidenden Hebel
Der Allbright-Bericht verweist immer wieder auf denselben Hebel: Transparenz und Sichtbarkeit. Weibliche Führungskräfte fehlen nicht. Sie werden oft nur nicht gesehen und deshalb nicht empfohlen, nicht nominiert und nicht intern befördert.
Genau deshalb hat The Retail Marketeers die European Female Leaders in Convenience Awards ins Leben gerufen, präsentiert von PDI Technologies. Die Awards holen herausragende Führungsfrauen aus der europäischen Convenience- und Mobility-Retail-Branche auf die Bühne, vor die Menschen, die Entscheidungen treffen.
Die Awards sind Teil des The Retail Marketeers LeadHers Collective, unserer branchenübergreifenden Plattform für Frauen in Führung. Das Motto lautet "Lead. Learn. Lift.": weibliche Führung sichtbar machen, auf Augenhöhe gemeinsam lernen in kleinen Roundtables, Masterclasses und Mentorings, und einander voranbringen, indem man sich empfiehlt, nominiert und Türen öffnet.
Die Gewinnerinnen 2026
Die Gewinnerinnen 2026 zeigen, wie diese Führung aussieht:
- Agnieszka Bobrukiewicz, Orlen: Mitglied des Board of Directors für Retail in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Österreich sowie Executive Director Non-Fuel Sales in sieben Märkten, darunter Deutschland. Sie bringt mehr als 20 Jahre internationale Erfahrung in Fuel und Convenience Retail mit.
- Alicia Cruzado Lopez, Repsol: Senior Manager Franchise Development and New Business. In mehr als 26 Jahren bei Repsol hat sie das Netz von über 900 Servicestationen geprägt und das Franchisemodell Supercor Stop & Go sowie das Waschnetz Repsol Klin mit aufgebaut.
- Louise Eckford, Marks and Spencer: Head of Transformation, Property & Programmes for Channels & Hospitality. In 28 Jahren bei M&S hat sie sich vom Trainee Manager im Store bis in die Transformationsverantwortung hochgearbeitet und gestaltet die Zukunft von Convenience und Hospitality.
- Judy Wilson, Circle K: Head of European Merchandising im Global Merchandising Team. Sie hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in Lebensmittelhandel, Convenience und Forecourt Retail, von Tesco Ireland über Topaz bis Circle K Ireland.
- Zsuzsa Hordai, SPAR International: Head of Strategic Projects im internationalen SPAR-Netzwerk. Eines ihrer Lieblingsprojekte half SPAR Kosovo, gemeinsam mit UN Women Kosovo Frauen den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.
- Anna Wallenberg, Reitan Convenience Sweden: CEO seit 2021, verantwortlich für ein Netz von fast 400 Stores mit Marken wie Pressbyrån und 7-Eleven und treibende Kraft hinter "Foodvenience" im schwedischen Markt.
Sechs Frauen, sechs Unternehmen, von Spanien bis Schweden. Jede einzelne von ihnen ist der Beweis: Das Talent ist da.
Der Abend: 11. November 2026 in Hamburg
Die Award-Verleihung findet am Mittwoch, 11. November 2026, ab 19 Uhr im Literaturhauscafé Hamburg (Schwanenwik 38) statt. Sie eröffnet die 10. Ausgabe der Convenience Leaders Convention von The Retail Marketeers, die am 12. November folgt.
- 19:00 Empfang
- 19:45 Begrüßung durch Christian Warning (The Retail Marketeers) und Eröffnung durch Linnea Geiss (Chief Operating Officer, PDI Technologies)
- 20:30 Belinda Epping (Cup&Cino Foundation) und Neven Subotic (Well:fair)
- 21:15 Aileen Puhlmann, Lemonaid & ChariTea Foundation
- 21:30 Preisverleihung und Laudationes, präsentiert von Dawn Desai, EVP & GM, PDI Technologies
- 22:00 Flying Dessert und Drinks an der Bar
Die Awards werden präsentiert von PDI Technologies. NACS ist Event-Partner der Verleihung, Sprit+ ist Medienpartner.
Kommen Sie, und bringen Sie sie mit
Meine Einladung geht an alle Führungskräfte unserer Branche, ganz besonders an meine Namensvettern und an alle Thomasse und Michaels unter uns: Kommen Sie am 11. November nach Hamburg und feiern Sie diese sechs Frauen mit uns.
Und kommen Sie bitte nicht allein. Bringen Sie die Frauen aus Ihren Teams mit, die Sie in drei Jahren in Ihrem Führungsteam sehen wollen. Veränderung beginnt nicht mit einem Positionspapier. Sie beginnt damit, wen man mit an den Tisch nimmt.
Wenn genug von uns das tun, braucht der nächste Allbright-Bericht eine neue Überschrift.