Mittwoch, 23.10.2019
08.02.2016
   

Fotografie

Abgetankt - so heißt der Bildband von Joachim Gies.

Der Lohn für all die Müh': Stolz präsentiert Fotograf Joachim Gies seinen Bildband, für den er rund 13.000 Kilometer durch das Ruhrgebiet pirschte.

Der Tankstellenjäger

Joachim Gies fotografierte für einen Bildband ehemalige und umfunktionierte Tankstellen, die in den 50er und 60er Jahren gebaut wurden. Was einst als Abschlussarbeit seines Studiums begann, ist zu einem ­Vermächtnis für die deutsche Tankstellenkultur geworden.

Wenn die Sonne nur noch mit Mühe über die Gebäude linst und dann von einer Sekunde auf die nächste am Horizont verschwindet, hat die Stunde des Jägers ­geschlagen. Dann pirscht sich Joachim Gies an seine Beute heran, drückt ab, immer und immer wieder. So lange, bis die Umgebung den Deckmantel der Nacht über das Blitzbad legt.

Gies ist kein Mörder, er jagt nicht Menschen oder Tiere, sondern Tankstellen. Oder, um noch präziser zu sein: Er fängt Tankstellen ein, die früher welche waren, jetzt aber anders genutzt werden oder leer stehen. Die Tatwaffe: eine Spiegelreflexkamera. Ihre Opfer: 300 Tankstellen im Rheinland, Ruhrgebiet, Sauerland und im Bergischen Land. Rund 13.000 Kilo­meter streifte der Tankstellenjäger dafür durch Nordrhein-Westfalen. Aus den schönsten 61 Fotos hat er einen sehens­werten Bildband gefertigt.

Spiegelbild des Wandels

Wie war es dazu gekommen? Vor eineinhalb Jahren studierte Gies noch Fotografie an der Fachhochschule Dortmund, als er sich für den Kurs „Strukturwandel im Ruhrgebiet“ einschrieb. Es war sein letztes Hochschulsemester, er würde seine Abschlussarbeit in diesem Kurs ablegen. Doch mit welchem Thema lässt sich der Strukturwandel im Ruhrgebiet sichtbar einfangen? Um sich Inspiration zu holen, stieg Gies kurzerhand in seinen in die Jahre gekommenen Toyota Corolla und fuhr einfach mal los. Tagelang kreuzte er ziellos durch das Ruhrgebiet.

Als er in Dortmund an einer baufäl­ligen Tankstelle vorbeifuhr, merkte er auf. Sie stand leer, augenscheinlich wurde sie nicht mehr genutzt. Als Fremdkörper ­einer anderen Zeit schien es nicht eine Frage des „ob“ zu sein, sondern lediglich „wann“ sie abgerissen wird. „Ist das nicht genau das, was ich suche?“, fragt sich der Student Gies. An diesem Ort wurde die Vergangenheit von der Zukunft überholt. Eine Tankstelle, die im Wirtschafts- und Mobilitätsboom der 50er und 60er Jahre aus dem Boden spross und dem langsamen aber stetigen Tankstellensterben entfliehen konnte, zumindest eine Zeit lang, ehe es auch sie einholte. Ein Relikt aus vergangenen Tagen, jetzt war sie tot, brachliegend und ungenutzt. Gab es davon noch mehr?

Der Student wühlte in alten Stadtarchiven und blätterte in Gelben Seiten von 1970. Die Tankstellen, die darin aufgelistet waren, steuerte er an. Doch diese Wege endeten in vier von fünf Fällen in der Sackgasse. Entweder waren die Bauten längst dem Erdboden gleichgemacht worden oder so modernisiert, dass sie ihren ursprünglichen Charakter verloren hatten. Eine andere Form der Recherche musste her: Zwei Monate lang, jeden Morgen von neun bis zwölf Uhr, verrichtete Gies Telefondienst, wie er es nennt. Mit wem er da telefonierte, das erzählt Gies nur im Vertrauen. Schließlich wolle er keine Nachahmer auf den Plan rufen.
Sein neuer Ansatz war effektiv: „Plötzlich schlüpften immer mehr Tankstellen aus dem Verborgenen, die mir vorher nicht aufgefallen waren“, erzählt er. Alte Stationen, die längst keine mehr waren, die aber von ihren unverkennbaren Silhouetten mit einem Tankstellendach und einer groß­flächig verglasten Fassade verraten wurden. In einem dieser Gebäude hat sich ein stylischer Frisör niedergelassen, ein anderes rüstete eine Kirche zur Autobahngedenkstätte um, ein drittes beherbergt nun ein Reisebüro. Viele aber stehen leer und harren ihrem Abriss.

Rund 300 nordrhein-westfälische Ex-Tankstellen knipste der Fotograf. Dafür ­allein, die Recherche nicht mitgerechnet, benötigte er 300 Tage. Gies fotografiert nämlich nur eine Tankstelle pro Tag, weil er zu einer ganz bestimmten Tageszeit auf die Pirsch geht, in der „blauen Stunde“. So nennen Dichter die in Wahrheit nur wenige Minuten währende besondere Färbung des Himmels in der Zeit der Dämmerung nach Sonnenuntergang und vor Eintritt der nächtlichen Dunkelheit.

In dieser Zeit zu fotografieren hat den Vorteil, dass die Sonne keine Schatten mehr wirft, es aber gleichzeitig noch hell genug ist, die Peripherie einzufangen, in die das ehemalige Tankstellengebäude eingebettet ist. Noch wichtiger: Die Tankstelle ist in der Dämmerung beleuchtet, das heißt, man kann in die Gebäude hineinschauen. Das ist das Hauptziel von Gies: zu zeigen, wie die einstige Tankstelle in der Gegenwart genutzt wird. Außerdem wird so der Blick auf die Tankstelle gelenkt, die Beleuchtung hebt sie aus ihrer Umgebung hervor.

Riesiges mediales Echo

Gies’ Professor war begeistert von der Abschlussarbeit. Auch andere, die Familie, Freunde, Freunde der Freunde, immer mehr fragten an, ob sie einen Bildband kaufen können. Ehe sich Gies versah, vertrieb er bereits das Buch im Eigenverlag. Womit der 30-Jährige damals nicht gerechnet hatte: welch eine mediale und öffent­liche Lawine der Aufmerksamkeit über ihn hereinbrechen werde. „Ich war vom Feedback überwältigt“, sagt Gies nach zahlreichen Fernseh- und Radioauftritten sowie Beiträgen in Publikumszeitschriften.

Trotz aller medialen Aufmerksamkeit hat er die Herstellungskosten für seinen Bildband noch nicht hereingeholt. Von den unzähligen Stunden, Tagen und Wochen, die er ohne Bezahlung im Auto durch NRW reiste, ganz zu schweigen. Für Gies ist das Minusgeschäft zu verschmerzen, denn die Aufmerksamkeit, die er mit seinem Projekt auf sich gezogen hat, hilft ihm als freiberuflicher Fotograf, Aufträge zu bekommen. Mit Architektur- und Unternehmensfotografie verdient er sein Geld, die Tankstellenarbeit ist eher eine Prestigesache.

Oder gar inzwischen eine Herzensangelegenheit? Im Moment plant der Fotograf nämlich einen weiteren Bildband. Das neue Werk soll „in den kommenden Jahren“ erscheinen und ehemalige Stationen abbilden ­– dieses Mal im gesamten Bundesgebiet. Im vergangenen Herbst tourte er zwei Wochen durch Thüringen, wo er erwartungsgemäß ausschließlich Minol-Tankstellen ausmachte. Das ehemalige DDR-Staatsunternehmen nahm eine marktbeherrschende Stellung ein. In diesem Jahr sollen Sachsen-Anhalt oder Sachsen an der Reihe sein.
Getrieben ist Gies nicht nur von seinem künstlerischen Antrieb. Gies inspiriert die Frage, wie man in der Gegenwart mit der Vergangenheit umgeht. Er möchte mit seiner Arbeit die alten Gebäude festhalten. Vier der Tankstellen, die in seinem 2014 erschienenen Bildband abgedruckt sind, wurden bereits abgerissen, es ist abzusehen, dass weitere folgen, die nicht unter Denkmalschutz stehen oder hochwertig genutzt werden. Die Erinnerung an den Stellenwert der Tankstelle für den Wirtschaftsaufschwung möchte er mit seiner Arbeit konservieren. „Es ist schade, wenn Stücke der Geschichte leichtfertig abgerissen werden“, findet Gies.

(Autor: Michael Simon; Sprit+ 1-2/2016)

Bildergalerien

Bilderband Tankstellen Abgetankt

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