Donnerstag, 09.07.2020
12.12.2019
   

Serie "Der Tankstellenmittelstand"

Axel Niesing, Peter Willer, Georg Willer, Frederike Brunke (Anton’s Projektleiterin), Markus Wittwer und Christian Willer (v. l.).

Nach wie vor ein Familienunternehmen: Axel Niesing, Peter Willer, Georg Willer, Frederike Brunke (Anton’s Projektleiterin), Markus Wittwer und Christian Willer (v. l.).

Anton Willer im Porträt

Für eine Gebühr von fünf Reichsmark meldete Anton Willer 1934 sein Gewerbe in Kiel an. 85 Jahre später ­gehören 35 Tankstellen im Raum Schleswig-Holstein zum Familienunternehmen – und ein Heißluftballon.

Er ist sicherlich ein Unikat in der Branche: der Heißluftballon Dicker Anton in Form eines wohlgenährten Tankwarts. Seit drei Jahren ist der riesige orangefarbene Markenbotschafter des Kieler Mittelständlers Anton Willer regelmäßig über dem Himmel von Schleswig-Holstein zu sehen. Inzwischen ist das Luftfahrzeug weltweit sogar so begehrt, dass es in seinem Reisetagebuch von Flügen in der Schweiz und im US-Bundesstaat Arizona berichten kann. Jüngst kam eine Anfrage aus Taiwan.

Das hätte sich Firmengründer Anton Kurt Christian Willer vor 85 Jahren sicherlich nicht träumen lassen. Erst 30 Jahre war der Kieler alt, als er, ausgestattet mit 1.500 Reichsmark, einem Fahrrad und einer Schott’schen Karre, im April 1934 für fünf Mark Gebühr ein Gewerbe anmeldete. ­Unter der Marke „Awiol“ startete der frischgebackene Unternehmer einen ­Handel und Vertrieb von Kraftstoffen, Schmierölen und Fetten. In einem lo­gischen nächsten Schritt eröffnete Willer bereits ein Jahr später eine Tankstelle unter dem Namen ­„Monopolin“ auf dem ­Gelände des späteren Zentralen Omnibusbahnhofs von Kiel.

Angeschlagen durch den Zweiten Weltkrieg kam der Wiederaufbau des Unternehmens erst 1951 nach Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung von Kraftstoffen und 1952 mit dem Umzug in die Gutenbergstraße in Schwung, wo sich noch ­heute die Zentrale befindet. Seitdem blickt ­Anton Willer auf eine ereignisreiche ­Firmengeschichte mit einer Vielzahl von Partnern zurück: Zwischen 1954 und 1998 lag ein zusätzlicher Schwerpunkt auf dem Automobilhandel. Das Ölgeschäft blieb allerdings immer das Kerngeschäft. Belieferungsverträge gab es im Laufe der His­torie unter den Marken Deutsche Erdöl, später Deutsche Texaco, dann Dea und schließlich mit der Tamoil Deutschland.

Nach dem Tod des Firmengründers 1990 übernahm dessen heute 85-jähriger Sohn Peter das Ruder, 1995 zusätzlich Christian, einer der insgesamt drei Söhne des Seniors. Alle vier Nachfolger von Anton Willer sind heute noch Gesellschafter der Firmengruppe, deren Unternehmen auch einen umfangreichen Immobilien­besitz verwalten. Im Jahr 2013 trat zudem Axel Niesing in die Geschäftsführung ein und begann, den Mittelständler neu auszurichten. So wurde Ende 2013 die Zusammenarbeit mit Tamoil beendet und nach Eintritt in den Bundesverband freier Tankstellen die neue Marke BFT Anton Willer kreiert, unter der heute knapp 30 Stationen laufen. Unter Niesings Leitung wurde zudem 2018 der Firmenzusatz Mineralölhandel gestrichen und das Geschäft rein auf die Tankstellen fokussiert.

Alternative Wege finden

„Mangels Perspektiven haben wir die Segmente Heizöl und Schmierstoffe abgestoßen und fokussieren uns nur noch auf den Geschäftsbereich Tankstelle, der uns am aussichtsreichsten erscheint“, erklärt Niesing, der seit 2018 auch Gesellschafter des Unternehmens ist, die Entscheidung. Allerdings reiche es hier nicht länger aus, sich auf die konventionellen Kraftstoffe zu konzentrieren, ist er überzeugt. Erfahrungen mit Alternativen sind gefragt: So können seit vergangenem Jahr Kunden an drei Willer-Standorten ihre E-Fahrzeuge an Schnellladesäulen mit Strom laden. „Wir haben beim ersten Förderaufruf mitgemacht. Es hat sich allerdings ewig hinge­zogen, bis die ersten Bescheide da und die Triple-Charger installiert waren, zumal sich die Schätzung der Anschlusskosten als sehr optimistisch herausgestellt hat“, merkt Georg Willer, seit 2017 ebenfalls im Unternehmensverbund tätiger Mitgesellschafter, an.

Trotz des steinigen und kostspieligen Weges war es dem Unternehmen wichtig, selbst in die Hardware und die Installation zu investieren und nicht an externe Betreiber abzugeben. „Wir wollen eigene Erfahrungen mit dem Thema sammeln, auch wenn das jetzt noch kein großes Business ist“, ergänzt Markus Wittwer, Bereichsleiter Tankstellen. Am Standort an der Zentrale liegt der Umsatz pro Monat aktuell bei 1.000 Euro, „das ist schon ganz ordentlich“. Abgerechnet wird bislang über einen Zeit­tarif: Eine Stunde kostet 20 Euro. Ebenfalls um Erfahrung zu sammeln, hat sich das Unternehmen einen E-Golf angeschafft.

Der Nachhaltigkeitsgedanke beschränkt sich jedoch nicht nur auf die drei Ladesäulen, an denen es natürlich 100 Prozent Ökostrom gibt. Am Firmensitz in der Gutenbergstraße sind auf hunderten von Quadratmetern Dachfläche Solarmodule installiert, alle selbst betriebenen Tankstellen im Willer-Netz beziehen ausschließlich Ökostrom. Laut Zertifikat von Klimainvest vermeidet das Unternehmen so über 900 Tonnen CO2 im Jahr. „So können wir in der Branche an den Stellen Akzente setzen, an denen es möglich ist. Denn den Kraftstoff bekommen wir aktuell nicht grün“, ist sich Niesing bewusst. Genau aus diesem Grund findet der Firmenchef das Thema synthetische Kraftstoffe auch sehr spannend.

H2-Standort für Kiel

Nicht nur in die batterieelektrische Mobilität will der Mittelständler investieren. Weil das Joint Venture H2 Mobility, das für den Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur in Deutschland verantwortlich ist, ­derzeit keinen Standort in Kiel vorsieht, beschäftigt sich Niesing mit dieser Option, obwohl es im Moment noch keine Wasserstofffahrzeuge in der Landeshauptstadt und Umgebung gibt. „Wir befinden uns bereits in fortgeschrittenen Überlegungen, haben mit Hardware-Lieferanten gesprochen und versuchen, Interessenten für Wasserstofffahrzeuge zu finden. Auch die Stadt und das Land sind an einem Standort in Kiel interessiert“, berichtet Niesing.

Zukunftsfähig aufgestellt sieht sich das Unternehmen nicht nur in Sachen alternative Kraftstoffe, auch in das Shopgeschäft investiert es kräftig und kreiert neue Konzepte. Ein Beispiel ist „Anton’s Bistro“. „Bisher hat jede Station gemacht, was sie wollte. Unsere Idee ist nun, dass es ein verlässliches Kernsortiment mit frischen Produkten und nachhaltigen Verpackungen für alle Pächter und Partner gibt, das die Kunden an allen geeigneten Willer-Stationen wiederfinden“, erklärt Wittwer.

Ein weiteres Beispiel ist „Willer Vital“, das aktuell am Flagship getestet wird. Hier bietet das Unternehmen auf 60 Zentimetern Regalbreite gesündere Alternativen zu Snickers und Co. Die ersten Zahlen sind vielversprechend: „Wider Erwarten ist das sehr erfolgreich angelaufen. Innerhalb der ersten sechs Wochen haben wir über 500 Artikel verkauft. Das ist für ein neues Sortiment schon recht erfolgreich“, freut sich der Bereichsleiter Tankstellen. Aus Diätgründen sollte der Dicke Anton hier sicherlich auch mal zugreifen. Doch der runde Bauch ist schließlich ausschlaggebend für die Flugfähigkeit des Willer-Markenbotschafters.

(Autorin: Annika Beyer; Der Artikel erschien in Sprit+ Ausgabe 12.2019.)

 

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