Schwächelnde Wirtschaft in Deutschland: Westfalen investiert mehr im Ausland

07.07.2026 11:44 Uhr | Lesezeit: 3 min
Unternehmenszentrale Westfalen Münster
Die Unternehmenszentrale der Westfalen-Gruppe in Münster.
© Foto: Westfalen

Während viele Industrieunternehmen ihre Investitionen angesichts schwacher Konjunktur, hoher Energiekosten und geopolitischer Unsicherheiten zurückfahren, erhöht die Westfalen-Gruppe ihre Investitionen deutlich. Im Geschäftsjahr 2025 stiegen sie um rund 30 Prozent auf mehr als 90 Millionen Euro. Ein wachsender Teil der Mittel fließt jedoch in neue Produktions- und Logistikstandorte außerhalb Deutschlands.

"Europa ist für uns die Antwort auf die schwächelnde Wirtschaftslage in unserem Kernmarkt Deutschland", sagte Vorstandsvorsitzender Thomas Perkmann bei der Vorstellung der Geschäftszahlen. "Wir stellen uns breiter auf und sichern damit unsere Wettbewerbsfähigkeit."

Die Ursachen dieser Entwicklung

Für Perkmann liegt die Ursache der Entwicklung nicht in fehlender Innovationskraft, sondern in den Standortbedingungen: hohe Energiekosten, regulatorische Komplexität und mangelnde Verlässlichkeit. "Gerade die für den Industriestandort Deutschland so wichtige Energiewende scheitert im Moment nicht an Technologien, sondern an fehlender Planbarkeit, Bürokratie und insbesondere zu teurem Strom." Perkmann fordert deshalb wettbewerbsfähige Energiekosten und verlässlichere politische Rahmenbedingungen. Nur so könnten Investitionen in klimafreundliche Technologien in Deutschland wieder an Dynamik gewinnen. 

Die strategische Antwort des Unternehmens auf die anhaltende Wirtschaftsschwäche ist eine konsequente Internationalisierung. Neue Produktions- und Logistikstandorte entstehen in Frankreich, Österreich und der Schweiz, um die Produktionskapazitäten im Kerngeschäft Industriegase auszubauen. Ziel ist es, die Liefersicherheit zu erhöhen, neue Märkte zu erschließen und die Abhängigkeit vom deutschen Markt zu reduzieren.

Westfalen-Vorstandsvorsitzender Thomas Perkmann
Westfalen-Vorstandsvorsitzender Thomas Perkmann.
© Foto: Westfalen

Wasserstoff: Frankreich zeigt, wie es gehen kann

Die Auswirkungen der Standortbedingungen zeigen sich besonders deutlich bei Wasserstoffprojekten. Während sich im französischen Florange ein Elektrolyseur bereits im Testbetrieb befindet und weitere Projekte vorbereitet werden, sieht Westfalen vergleichbare Vorhaben in Deutschland derzeit aufgrund hoher Strompreise nicht wirtschaftlich darstellbar. "Unsere Erfahrungen beim geplanten Elektrolyseur in Weißenhorn bei Ulm haben uns klar gezeigt, dass wir mit solchen Projekten in Deutschland aktuell nicht weiterkommen. Eine harte Erkenntnis, aus der wir gelernt haben", so Perkmann. 

Auch im Wärmemarkt registriert das Unternehmen zunehmende Zurückhaltung. Westfalen hat in den vergangenen Jahren gezielt Anbieter für Wärmepumpen und intelligentes Energiemanagement übernommen und diese in der Westfalen Energietechnik GmbH gebündelt. Die langhaltende Diskussion um das Gebäudemodernisierungsgesetz haben jedoch die Marktentwicklung und Investitionsentscheidungen deutlich gebremst – sowohl auf Unternehmens- als auch auf Kundenseite.

Westfalen kehrt vor der eigenen Tür

Ungeachtet der schwierigen Rahmenbedingungen hält Westfalen an seiner Dekarbonisierungsstrategie fest. Eine entsprechende wirtschaftliche Basis dafür liefern die Geschäftszahlen: mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Euro und einem EBIT (operatives Ergebnis) von 95 Millionen Euro hat sich das Unternehmen in einem herausfordernden Marktumfeld erneut behaupten können,

"Wir sehen, dass das Thema Nachhaltigkeit angesichts kurzfristiger wirtschaftlicher Herausforderungen in den Hintergrund rückt. Unser Anspruch bleibt jedoch: Ökonomie und Ökologie müssen zusammen gedacht werden." Seit 2019 hat das Unternehmen seine eigenen CO₂-Emissionen um 72 Prozent reduziert (Scope 1 und 2). Bis 2030 strebt Westfalen Netto-Null bei den eigenen Emissionen an. Bei den verkauften Energieträgern wurden die CO₂-Emissionen im selben Zeitraum um 16 Prozent gesenkt (Scope 3). Bereits die Hälfte des Ergebnisses wird in dekarbonisierten Produktbereichen (außerhalb des fossilen Bereiches) erzielt. 

Für 2026 geht das Unternehmen von einem deutlichen Umsatzanstieg und einem leicht höheren Gewinn aus.

Entwicklungen der Geschäftsfelder im Überblick

Industriegase

Westfalen verfügt derzeit über elf Abfüllwerke in fünf europäischen Ländern. Dort füllt das Unternehmen rund 2,2 Millionen Flaschen pro Jahr ab. In Südwestfrankreich und in Österreich ist jeweils ein neuer Abfüllstandort geplant. An bereits bestehenden Standorten in Frankreich und der Schweiz werden die Kapazitäten aktuell erweitert. Darüber hinaus beschäftigt sich das Unternehmen mit weiteren Elektrolyseur-Projekten im Ausland. In der Summe konnte der Geschäftsbereich seinen Absatz und Umsatz 2025 deutlich steigern. Die steigenden Absätze konnten leicht rückläufige Preise gegenüber dem Vorjahr deutlich überkompensieren.

Mobilität

Mit einem Netz aus rund 260 Tankstellen – überwiegend in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen – entwickelt Westfalen bestehende Stationen sukzessive in Mobility Hubs weiter. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Shop-Geschäft mit vielfältigeren Angeboten und Dienstleistungen sowie einem stärkeren Fokus auf alternative Antriebsenergien. Über 30 Tankstellen wurden nach diesem Vorbild bereits umgebaut. Parallel dazu treibt das Unternehmen den Ausbau der eigenen Schnellladeinfrastruktur voran: aktuell befinden sich über 120 Schnellladepunkte im eigenen Netz. Bis Jahresende sollen es rund 150 werden. Darüber hinaus erfolgt in Kürze die Inbetriebnahme des ersten Ladestandorts für Lkw, auf den weitere Standorte folgen sollen. 

Energieversorgung

Mit der Herausbildung der Westfalen Energietechnik GmbH plant das Unternehmen weitere Zukäufe, um sich im Bereich der strombasierten Wärme weiter zu etablieren. Im abgelaufenen Geschäftsjahr wurden durch die eigenen Installateure 20 Prozent mehr Wärmepumpen verbaut als im Vorjahr – eine positive Entwicklung, die Westfalen trotz politischer Unsicherheiten bei der Gesetzgebung als Bestätigung für weitere Investitionen sieht. Im konventionellen Geschäft mit Flüssiggas (LPG) konnte das Unternehmen seine Umsätze und Absätze steigern. Wesentlicher Treiber dieser Entwicklung war die Temperatur, die im Jahresvergleich deutlich niedriger ausgefallen ist. Seit 2024 umfasst das Produktportfolio auch Bio-LPG, wo Kunden zwischen unterschiedlich hohen Anteilen an Bio-Gas wählen können.

Medizinische Sauerstoffversorgung

Im Bereich Respiratory Homecare, wurden im vergangenen Jahr 70.000 Patienten in Deutschland und den Niederlanden mit medizinischen Lösungen versorgt. Westfalen Medical gehört damit zu den führenden Unternehmen im Markt. In beiden Ländern ist die Westfalen Medical flächendeckend mit zahlreichen Standorten und Atemtherapiezentren vertreten.

HASHTAG


#Westfalen

MEISTGELESEN


STELLENANGEBOTE


KOMMENTARE

SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!


NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


Sprit+ Online ist der Internetdienst für den Tankstellenmarkt und richtet sich an Tankstellenunternehmer, Waschbetriebe, Mineralölgesellschaften und Verbände. Neben tagesaktuellen Nachrichten mit besonderem Fokus auf die Bereiche Politik, Shop/Gastro, Tank-/Waschtechnik und alternative Kraftstoffe enthält die Seite ein Branchenverzeichnis. Ergänzt wird das Online-Angebot um betriebswirtschaftliche Führung/Personalien und juristische Angelegenheiten. Relevante Themen wie E-Zigaretten, Energiemanagement und Messen findet man hier ebenso wie Bildergalerien und Videos. Unter #HASHTAG sind alle wichtigen Artikel, Bilder und Videos zu einem Themenspecial zusammengefasst. Ein kostenloser Newsletter fasst 2x wöchentlich die aktuellen Branchen-Geschehnisse zusammen.