Mittwoch, 13.11.2019
10.06.2016
   

Buntes

Tankstellenmuseum Borsdorf: Gebäude außen

Die Reklameschilder, die die Außenwand des alten Bahnhofsgebäudes zieren, hat Altner in ganz Deutschland aufgetrieben.

Aus dem Dreck ins Museum

Von Beruf ist Frank Altner Verkaufsleiter bei einer Mineralölgesellschaft, im Privatleben Direktor seines eigenen Tankstellenmuseums. Ein Besuch in Borsdorf bei Leipzig.

Bereits nach den ersten Minuten mit Frank Altner ist klar: Das wird eine der Geschichten über einen Menschen und sein Hobby, über die man als Journalist besonders gerne schreibt. Wir treffen uns an einem Samstagnachmittag vor dem alten Bahnhofsgebäude in Borsdorf bei Leipzig, in dem Altner vor zehn Jahren das Tankstellenmuseum eröffnet hat. Kurzes Händelschütteln, dann verschwindet er im Eingang und taucht wenige Sekunden ­später, ausgestattet mit grauer Mütze und Weste voller bunter Reklame-Anstecker und Aufnäher von Tankstellen, wieder auf.Der Borsdorfer grinst, reibt sich die Hände und freut sich sichtlich, mich durch sein Reich zu führen. Obwohl die Sonne scheint, gibt er mit leichtem sächsischen Dialekt aber erst noch die Anweisung: „Ziehen Sie die Jacke an, drinnen wird es kalt.“

Er hat recht: In dem verwinkelten ehemaligen Güterbahnhofsgebäude, das etwa um das Jahr 1868 errichtet wurde, ist es ziemlich kühl und vor allem: voll. Überall entlang der Wände stehen Zapfsäulen, Tankauto­maten, Ölfässer, -kabinette und -kannen, Leuchtreklamen und Logos der Mineral­ölgesellschaften und Vitrinen mit alten ­Büchern, Broschüren und Wimpeln. Dazwischen finden Besucher auch Ausstellungsstücke aus anderen Bereichen wie alte Fahrräder, Mopeds aus der DDR und im ­Rittersaal im ersten Stock stehen mehrere Rüstungen und hängen alte Waffen an der Wand. „Ich habe das Haus der tausend ­Dinge“, verkündet Altner, der sich selbst als Museumsdirektor und Hausmeister bezeichnet, stolz.

Geschichten erzählen

Ob es tatsächlich tausend Dinge sind, hat der 56-Jährige nie gezählt, aber er kann zu jedem Exponat etwas Interessantes über die Funktionsweise, den historischen Kontext oder den Ort, an dem er es aufgetrieben hat, berichten. Das sei wichtig, denn: „Die Ausstellungsstücke sind so technisch und speziell. Das spricht die meisten nicht an. Du musst Geschichten erzählen.“ Und dann legt Altner, der im „richtigen Leben“ seit 25 Jahren bei der Total arbeitet, los: „Meine erste Säule, ein Moped-Mixgerät, habe ich Mitte der 90er Jahre aus den ­alten Bundesländern mitgebracht. Die gab es bei uns im Osten ja nicht“, erzählt er.

Wenige Schritte weiter stoßen wir auf einen der ersten Tankautomaten aus der DDR. Damals waren die Stationen nachts nicht besetzt. Wer Kraftstoff brauchte, musste zuvor einen Schlüssel beim Minol-Tankwart für die Nacht-Tankbox kaufen, in der die Kanister aufbewahrt wurden. Zum Diebstahlschutz wurden diese an einem Stahlseil befestigt und mussten vom Autofahrer zum Tank gebracht werden.

Um das notwendige Kraftstoffgemisch herzustellen, kaufte der Autofahrer in ­einer weiteren Box mit einer Markmünze eine Mischölflasche, die 80 Pfennig kos­tete. Die 20 Pfennig Wechselgeld lagen ­daneben. „Diese Automaten sind schnell wieder ­verschwunden, weil immer wieder eingebrochen wurde“, weiß der Museumsdirektor und erklärt lachend den Grund: Das Wechselgeld hat damals in der DDR für ein Bier gereicht.

Ein Lieblingsstück hat Altner nicht, aber besonders stolz ist er auf die eiserne Jungfrau der Shell, die etwa aus dem Jahr  1910 stammt. Der Tankwart konnte damit pro Vorgang fünf Liter pumpen. Das hatte zwei Vorteile: „Währenddessen kam er mit den Kunden ins Gespräch, das hat schließlich etwas gedauert. Und durch die Fünf-Liter-Einheit konnte man sicherstellen, dass der Kunde genug Geld dabeihatte.“

Nicht auf den Mund gefallen

Bei jeder Geschichte und jedem Ausstellungsstück merke ich Altner die Leidenschaft für sein Museum an. Immerhin sammelt er bereits seit 20 Jahren alles rund um die Tankstelle. „Mitte der 90er Jahre ist in den alten Bundesländern das passiert, was wir in der ehemaligen DDR schon um die Wende rum gemacht haben: Es wurde alles weggeschmissen. Da habe ich angefangen“, blickt Altner zurück.

Einige Ausstellungsstücke hat er direkt an Tankstellen aufgetrieben, die gerade umgebaut oder abgerissen wurden. „Man darf nicht auf den Mund gefallen sein, sondern muss hingehen und fragen, ob man die Sachen haben darf“, sagt der Museumsdirektor, der vom Finanzamt eine Bescheinigung als „Liebhaber“ hat, wie er augenzwinkernd erzählt und ergänzt: „Eine schriftliche Liebhaberbescheinigung haben nur wenige Männer.“

Andere Exponate hat er in den „letzten Ecken in Kellern“ gefunden. „Da wo der Dreck ist, da gehe ich hin. Dann binde ich mir meinen Schlips ab – in der Regel bin ich ja im Anzug unterwegs – und hol das Zeug da raus“, berichtet der Borsdorfer, während wir nach der Führung in der Sonne stehend einen Kaffee trinken. Die Fundstücke werden auf dem Hänger verschnürt oder ins Auto gepackt, alle vier Fenster wegen des Benzols runtergefahren und die Sachen nach Hause gebracht. Dort macht sie Altners Mutter so sauber, dass sie wieder fast wie neu aussehen. „Das Museum ist halt ein echter Familienbetrieb“, sagt der Sammler.

Zu Beginn seiner Sammelleidenschaft standen die Sachen noch im Garten von Altner, bis seine Frau gestreikt hat. Auch die Lösung in einer Scheune im Nachbarort entsprach nicht seinen Vorstellung – „Erstens hat da niemand die Sachen sehen können und zweitens war es schmutzig.“ Und dann stand 2005 der alte Güterbahnhof von Borsdorf zum Verkauf und Altner schlug zu, kaufte das Gebäude, befreite es von Marder- und Taubendreck und brachte alles zum neuen Zuhause seiner Sammlung.

Inzwischen sind die etwa 350 Quadratmeter Fläche ebenfalls voll ausgenutzt. Trotzdem will Altner mit dem Sammeln nicht aufhören und freut sich über jedes neue Exponat: „Ich habe immer gesagt: Ich bau mir ein Museum. Meine Freunde haben gesagt: Du bist bekloppt. Ja, ich bin bekloppt, aber jetzt kommen im Jahr bestimmt 1.000 Menschen hierher und sind begeistert.“ Zu diesen begeisterten Besuchern gehöre jetzt auch ich.

(Autorin: Annika Beyer; Der Artikel erschien in Sprit+ Ausgabe 6/2016.)

Information
Das Tankstellenmuseum in der Schulstraße 1a, 04451 Borsdorf öffnet nur auf Anfrage. Der Eintritt kostet zwei Euro. Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie unter www.ts-museum.de.
Sie haben ein Sammlungsstück und würden es gerne einem echten Liebhaber anvertrauen? Dann wenden Sie sich per Mail an info@­ts-museum.de an Frank Altner.

Bildergalerien

Tankstellenmuseum Borsdorf

Tankstellenmuseum Borsdorf Logo Tankstellenmuseum Borsdorf: Gebäude außen Tankstellenmuseum Borsdorf: Schrank für Mischölflaschen Tankstellenmuseum Borsdorf: Zapfsäulen

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