Montag, 21.10.2019
07.02.2017
   

Adblue-Zapfanlage

Adblue-Zapfsäule PKW

Mario Prandi zeigt am Familienauto, wie komfortabel das Betanken mit Adblue von der Zapfsäule ist.

Gezapft, nicht verschüttet

Adblue bequem an der Zapfsäule tanken: Damit lockt eine Eigentümerfamilie nicht nur LKW-, sondern auch PKW-Fahrer nach Wildetaube. Das Projekt, bei dem von Anfang an der Wurm drin ist, hofft auf ein Happyend.

Wer auf der A9 hinter Jena gen Süden fährt, die Autobahnabfahrt Lederhose wählt, landet nach einigen Kilometern in Wildetaube – und (keine Sorge) befindet sich nicht im Fantasialand, sondern im thüringischen Vogtland. Dort also, direkt hinter dem Ortsschild, treffen die Reisenden an der B92 eine Esso-Tankstelle an, die „zwar vom Dorf, aber lange nicht hinterm Berg ist“, wie Vater Mario von der Eigentümerfamilie Prandi einschätzt. Keine kühne These, vielmehr eine realistische Einschätzung eines Standorts, der fünf Millionen Liter Kraftstoff pro Jahr verkauft, mit einem ausgezeichneten Shop aufwartet und seit Anfang Dezember 2016 eine Adblue-Zapfanlage betreibt – mit jeweils zwei Zapfpunkten für LKW als auch für PKW.

Adblue ist eine Harnstofflösung, die viele Dieselfahrzeuge zur Abgasnachbehandlung benötigen. Reichten früher die Tankgrößen der PKW bis zum nächsten routinemäßigen Werkstattbesuch, bauen die Automobilhersteller inzwischen kleinere Adblue-Tanks in die PKW, wodurch viele Fahrer zum manuellen Auffüllen genötigt werden.

Eine weitere Dienstleistung

Mit dem Gedanken, den Kunden den Betriebsstoff Adblue nicht länger nur in Flaschen oder Kanistern anzubieten, haben die Prandis schon lange geliebäugelt. „Man möchte sich ja auch weiterentwickeln und dem Kunden neue Dienstleistungen anbieten“, ist die Devise von Eigentümerin Tina. Doch für ernsthafte Überlegungen war erst im Dezember 2015 die Zeit gekommen. Zuvor waren die Umsetzung eines neuen Shopkonzeptes, der Bau einer neuen Waschanlage und das Umflaggen von Agip auf Esso wichtigere Baustellen gewesen.

Das Projekt Adblue startete der umtriebige Sohn Lucas, der im Nachhinein von einem Abenteuer sprechen sollte, „bei dem von Anfang an der Wurm drin war“. Von Berufs wegen Jurastudent und, wenn man so will, Geschäftsentwickler der elterlichen Tankstelle, fragte er bei Händlern die Preise für Adblue ab und verglich, zu welchen Konditionen andere Tankstellen die Harnstofflösung verkauften. „Bei einem Einkaufspreis von 19 Cent pro Liter und einem Verkaufspreis von 52 Cent pro Liter dachte ich mir: Das muss sich doch theoretisch rechnen“, erinnert sich Lucas.

Doch die Pläne landeten schnell wieder in der Schublade. Eine Containerlösung war nicht ohne Weiteres machbar, weil er aus wasserschutzrechtlichen Gründen nicht auf den Inseln platziert werden konnte. Eine zweite Variante, den Container auf die Wiesen neben die äußerste Fahrbahn zu stellen, hakten die Prandis ebenfalls schnell ab, als sich die Kosten für eine flüssigkeitsdichte Fahrbahn und das Verlegen von Leitungen zu den Zapfpunkten auf 90.000 Euro summierten. Auch die Option, eine Zapfsäule mit integriertem Tank zu verwenden, kam aus lagebedingten Gründen nicht infrage.

Als die Prandis die Schublade wieder öffneten, fassten sie den Entschluss, den Adblue-Tank unterirdisch zu vergraben. Was den Eltern, wie Lucas verschmitzt verrät, eh lieber war: „Auf die Aussicht legen die beiden sehr großen Wert. Mit einer Containerlösung wäre die zerstört und der Anblick der Tankstelle negativ beeinträchtigt gewesen.“

Mindestens ebenso wichtig war der Unternehmerfamilie, dass nicht nur LKW-, sondern auch PKW-Fahrer Adblue von der Säule bekommen. Viele Kunden hatten den Betreibern ihr Leid mit den Flaschen- und Kanisterlösungen geklagt: Der Fahrer eines Mercedes C-Klasse erzählte, er komme mit seinem Sieben-Liter-Tank nicht mehr von einem Service-Intervall zum nächsten. Für die Pauschale im Autohaus müsste er zudem 40 Euro berapppen. Andere Kunden sagten, sie täten sich beim Befüllen per Kanister schwer, weil sie nicht wüssten, wie viel Adblue noch in den Tank hineinging. Regelmäßig endete das mit einer Adblue-Überflutung – mit hässlichen weißen Flecken. Diese Probleme wollten die Unternehmer ihren Kunden ersparen.

Adapter war keine gute Lösung

Tina und Lucas Prandi hatten sich allmählich mit der Idee angefreundet, die Befüllung für LKW wie PKW über ein und dieselbe Zapfsäule anzubieten. Autofahrer hätten sich dann beim Kassenpersonal einen Adapter ausleihen müssen, um die Abgabeleistung auf fünf Liter pro Minute zu drosseln, von 20 Litern pro Minute, mit denen LKW-Fahrer ihre 60 bis 120 Liter großen Tanks auffüllen. Das hätten aber wohl ebenso die Autofahrer nicht mitgemacht, wie wenn man die Anlage auf Autos eingestellt hätte. Trucker hätten dann bis zu 20 Minuten zum Tanken gebraucht. 

In diesem Moment, als sich ein fauler Kompromiss anbahnte, haute Vater Mario, bis dato entschiedener Gegner des Adblue-Projekts, auf den Tisch: „Wenn wir den Kack schon machen, dann aber richtig!“, schnauzte er. Also beauftragten die Prandis das Planungsbüro KMP in Birkenwerder, einen Anbieter zu finden, der einen unterirdischen Tank für zwei Zapfsäulen mit je zwei Zapfpunkten für LKW und PKW verlegen kann. Als einzigen Kandidaten auf dem Markt machten die Projektplaner Tokheim aus.

In den Verhandlungen einigten sich die Prandis mit Tokheim auf einen unterirdischen Tank mit 5.000 Liter Fassungsvermögen, der durch eine Leck- und eine Überfüllanzeige überwacht wird. Auf den Tank sollte eine ebenerdige Domschachtabdeckung mit Betonkranz aufgesetzt werden, um auch dem Gewicht von 40-Tonnern gewachsen zu sein. Als Zapfsäulen wählten die Prandis zwei Tokheim Quantum 510, die über eine Atex-Zulassung verfügen müssen, weil sie im Explosionswirkbereich der Kraftstoffzapfsäulen stehen.

Kaum dass die Tinte unter den Verträgen trocken war, überlagerte die von den Grünen angestoßene Debatte um ein Verbot für Dieselfahrzeuge bis zum Jahr 2030 die Nachrichten. Doch Mario Pöschke von Adblue-Lieferant Kruse Automotive beruhigte seine Neukunden: So kurzfristig sei ein Dieselverbot nicht machbar, sie bräuchten sich keine Sorgen machen. Nein, Sorgen standen der Familie zunächst andere ins Haus.

Nervenaufreibende Bauphase 

Beim Öffnen der äußersten Fahrbahn, unter die der Adblue-Tank verlegt wurde, schnitten die Bauarbeiter versehentlich eine Saugleitung für Super+ in zwei. Als dieser Schaden behoben und die Leitungen zur PKW-Adblue-Zapfsäule verlegt waren, passten die vorhandenen Betonplatten nach dem Aufschütten der Fahrspur nicht mehr an Ort und Stelle.

Geschwind trafen die Prandis die Entscheidung, stattdessen schnell aushärtenden Ortsbeton zu verwenden, um die geschlossenen Fahrspuren rasch wieder für Kunden öffnen zu können. Zeitweise musste die Familie mit lediglich einer Fahrbahn und zwei Abnahmestellen zurechtkommen. In zwei Wochen sollten alle Arbeiten erledigt sein, hatte Tokheim prognostiziert, am Ende waren es fünf. Doch einen Vorwurf will Lucas Prandi niemandem machen: „Jede Tankstelle hat seine Eigenheiten wie jede Baustelle. Wenn alles glattginge, dann müsste sich jeder Bauherr Sorgen machen“, sagt er und dankt sowohl Tokheim als auch KMP.

Ohnehin: Krisenmanagement können die Ostthüringer. Über die Homepage und auf Facebook informierte Lucas die Kunden von Beginn an detailliert über den aktuellen Stand der Bauarbeiten mit Bildern und bat um Verständnis für eventuelle Unannehmlichkeiten. An selber Stelle verschweigt die Unternehmerfamilie im Übrigen nicht, dass ein Teil der Ausgaben des Projektes aus einem Fördertopf der Europäischen Union stammt, sodass sich die Ausgaben des Adblue-Projekts für die Prandis unterm Strich auf etwas mehr als 50.000 Euro netto belaufen.

Ob sich die mühsame Planungs- und Genehmigungsphase, die vom Pech verfolgten Bauarbeiten und nicht zuletzt die hohen Investitionskosten auszahlen? In den ersten zwei Monaten verkauften die Eigentümer mehr als 7.500 Liter, ohne dabei auf die große Werbepauke zu schlagen. „Das ist mehr, als wir erwartet hatten“, freut sich Chefin Tina. Vor dem Umbau hatte sie vier bis fünf Kanister im Monat an den Kunden gebracht. Und wenngleich LKW mit 95 Prozent den Löwenanteil der Adblue-Menge abnehmen, haben sich schon viele Autofahrer für eine weitere tolle Dienstleistung in Wildetaube bedankt.

(Autor: Michael Simon; der Artikel ist erschienen in Sprit+ 1./2.2017)

 

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