AVIA Xpress in Reutlingen: Auf Nummer sicher mit Edelstahl

15.12.2025 08:46 Uhr | Lesezeit: 4 min
Die Edelstahlrohre wurden von Hand mit Kunststoff ummantelt und alle Nähte doppelt geschweißt.
© Foto: Stations-Konzepte Thomas Zink

Rommel Energie hat in Reutlingen eine AVIA Xpress eröffnet. Die Automaten-Station hat weder Shop noch Bistro oder E-Ladesäulen und ist dennoch sehr innovativ.

Nicht immer springen wichtige Weichenstellungen beim Bau oder der Renovierung einer Tankstelle sofort ins Auge. Schon gar nicht, wenn sich die Innovation in der unterirdischen Tankanlage verbirgt wie im Fall der neuen AVIA Xpress in Reutlingen. Das "Geheimnis" der neuen Station: Die 270 Meter Rohrleitungen im Untergrund wurden erstmals bei einer Tankstelle in Edelstahl ausgeführt, und zwar komplett. "Das ist ein Prototyp. Mir ist in Deutschland kein anderer Fall bekannt", sagt Oliver Führer, Geschäftsführer des Tankanlagenbauunternehmens Führer & Weingartner, das die Anlage erstellt hat. "Auch für uns als ausführender Betrieb war es Neuland."


AVIA Xpress Reutlingen

Die AVIA Xpress wurde auf dem Restgrundstück einer Waschstraße in einem Industrie- und Gewerbegebiet in Reutlingen errichtet Bildergalerie

Führer & Weingartner zieht Konsequenzen

Mit Edelstahl hatte Führer & Weingartner bislang nur im Anlagenbau für die Pharma- und Lackindustrie zu tun, mit dem die Firma neben dem Tankanlagenbau bis zu 70 Prozent seines Umsatzes erzielt. Sämtliche Verrohrungen der rund 500 Tankstellen, die das Peissenberger Unternehmen gebaut hat und weiterhin betreut, wurden wie üblich in Schwarzstahl ausgeführt. Aber Führer beobachtet die politischen Diskussionen und die Unsicherheiten um das Verbrenner-Aus sowie Elektromobilität und Wasserstofftechnologie genau und will daraus Konsequenzen ziehen. In der Automobilbranche, so Führer, habe er Stimmen vernommen, die flüssiges Ammoniak als Kraftstoff fordern würden. Ammoniak als Vorprodukt von Wasserstoff ist unproblematischer im Transport per Schiff als der hochexplosive flüssige Wasserstoff selbst. "Wenn man diesen Weg konsequent weitergeht", so Führer, "muss man natürlich in der Tankstelle die Beständigkeit gegen Ammoniak haben. Wasserstoff ist sehr aggressiv gegenüber Schwarzstahl, aber Edelstahl ist komplett beständig." Dies gelte auch für vollsynthetische Kraftstoffe.

AdBlue aus der Zapfsäule

Diese Weitsicht zahlt sich jetzt schon aus, denn aufgrund der Verrohrung aus Edelstahl darf an der AVIA Xpress in Reutlingen auch der neue Kraftstoff HVO100 verkauft werden – zunächst befristet auf 1,5 Jahre. HVO100 sei aggressiver als herkömmliche Kraftstoffe, "aber mit Edelstahlrohren können wir jederzeit reagieren", sagt Führer. Daher konnte problemlos eine AdBlue-Tankanlage in eine der beiden Zapfsäulen integriert werden. Während die anderen 40.000 bis 60.000 Liter großen Tanks – auch aus Kostengründen – wie üblich aus beschichtetem Schwarzstahl gefertigt sind, muss bei AdBlue der Tank selbst aus unbeschichtetem Edelstahl bestehen. Aber sollte einmal wirklich Ammoniak an die Tankstellen kommen, können die Tanks problemlos angemessen beschichtet werden – eine Technik, die bei Rohren nicht funktioniert.

Die AVIA Xpress Reutlingen aus der Vogelperspektive
Aus der Vogelperspektive.
© Foto: Stations-Konzepte Thomas Zink

Führer möchte im Tankanlagenbau neue Wege gehen, die der Technologieoffenheit und damit verschiedenen in der Zukunft denkbaren Kraftstoffen Rechnung tragen. So wie bereits 2004, als er die erste AdBlue-Tankstelle in Deutschland gebaut hat. Dass der Verbrenner neben anderen Technologien bleiben wird, zumindest in den nächsten 25 Jahren, ist seine feste Überzeugung. "Letztlich ist es der Mut, das einfach zu machen. Und die Erkenntnis, dass es notwendig ist."

Bei Patrick Rommel, der insgesamt 13 Tankstellen unter dem Dach der AVIA im süddeutschen Raum und einen Handel mit Mineralöl und Schmierstoffen in Laupheim betreibt, stößt er auf genau diesen Mut und diese Erkenntnis. Ebenso bei den weiteren Projektpartnern: Projektkoordinator Thomas Zink (Stations-Konzepte, Beratungsbüro für Tankstellen-Einzelbetreiber und mittelständische Tankstellennetze, Baiersbronn) und Bauleiter Manfred Schmidt (Plan-Tech, Ingenieurbüro für technischen Anlagenbau, March bei Freiburg). Sie kennen Führer seit über 30 Jahren und haben bereits einige Tankstellen miteinander realisiert.

Überschaubare Mehrkosten

Tankstellenbetreiber Rommel hat schnell erkannt, dass sich das Projekt für ihn lohnt, auch im Hinblick auf E-Fuels als möglichem Kraftstoff der Zukunft. Und zumal er aus leidvoller Erfahrung weiß, wie aufwändig und teuer die Sanierung von kaputten Rohrleitungen ist: "Ich erhoffe mir, das mit Edelstahl nicht zu haben. Es gibt ja mehrere Arten von Korrosion, und 95 Prozent der möglichen Arten schließe ich dadurch aus, dass ich Edelstahl verwendet habe." So gesehen sind die Mehrkosten einer kompletten Verrohrung aus Edelstahl für ihn gerechtfertigt.

Führer erklärt die Details: "Der Aufwand gegenüber Schwarzstahl ist der doppelte, da die Schweißnähte der Rohre doppelt geschweißt und die Rohre von Hand mit Kunststoff ummantelt werden müssen." Insgesamt seien 460 Schweißnähte nötig gewesen.

Der reine Materialpreis ist ungefähr 30 bis 40 Prozent höher, wobei die Domschächte bislang nicht in Edelstahl zugelassen sind, sondern weiterhin aus beschichtetem Schwarzstahl bestehen. Dennoch würden die Mehrkosten nur zwei bis drei Prozent des Gesamtpreises ausmachen, meint Oliver Führer. "Aus Sicht der Lebensdauer der Tankstelle ist der Aufpreis, den wir hier wegen Edelstahl hatten, fünfmal wieder verdient", ist er sich sicher.

Spezialkräfte erforderlich

Je kompakter die Tankstelle, desto weniger Aufwand - das trifft auf die neue Station in Reutlingen nur bedingt zu, denn am Edelstahl hängen eine ganze Menge Vorschriften. Die besagen, dass in Deutschland nur regelmäßig geprüfte und erfahrene Schweißer die Arbeiten mit Edelstahl ausführen dürfen. Auch das ausführende Unternehmen muss entsprechende Verfahrensprüfungen vorweisen - und gegenüber Behörden und Bauherren für die Erfüllung aller Bauvorschriften und erstklassige Qualität einstehen. Gleiches gilt für die Firma Z-Bau aus Empfertshausen, die als Generalunternehmer die Erdaushubarbeiten für die Tanks, den Fahrbahnunterbau und die (Dachstützen-)Fundamente ausgeführt sowie die Fahrbahn betoniert hat. Eine Abscheideranlage und zwei Speicherbecken für Regenwasser seien noch zu der eigentlichen Tankanlage dazu gebaut worden, ergänzt Bauleiter Manfred Schmidt. Erst dann seien die Technik und die zwei Zapfsäulen auf Edelstahltischen oberirdisch installiert worden. Insgesamt haben die Arbeiten bis zur Fertigstellung viereinhalb Monate gedauert.

Hochfrequentierter Standort

Wie schnell sich die Investition für Rommel bezahlt macht, das hängt nicht zuletzt von der Standortqualität der neuen AVIA Xpress ab. Und die ist vielversprechend: Projektkoordinator Thomas Zink schätzt die Lage an der Auchtertstraße in dem wachsenden Industrie- und Gewerbegebiet im Reutlinger Stadtteil Betzingen als hervorragend ein. Ganz in der Nähe verläuft die stark befahrene L 384 zwischen Reutlingen und Gomaringen. Doch das stärkste Argument ist die hochfrequentierte Waschstraße direkt nebenan. 2001 eröffnet und 2017 saniert, wird sie von Simon Heck als einer von mehreren Standorten der Firma Wash Me Autowaschstraßen betrieben.

Berater Zink schildert, wie Heck und er die Idee entwickelt hätten, das Restgrundstück mit einer Tankstelle zu bebauen. "Die Platzverhältnisse waren so, dass wir keine Tankstelle mit Shop hätten bauen können", so Zink. "Außerdem ist hier eher schnelle Kundschaft unterwegs, die eigentlich keinen Shop sucht." Eine Automatentankstelle mit eigenen Zahlungsterminals in jeder Säule und dem kompletten Kartenportfolio der AVIA, mit App-Zahlung, Karten- und Flottenkarten-Akzeptanz war die Lösung.

Betreuung und Service

Betreut wird die Station von Heck und seinem Team von der Waschstraße nebenan. Auch Rommel Energie ist regelmäßig vor Ort und beschäftigt zwei Monteure, die auch Reparaturen an den Tankstellen erledigen. "Wir fahren unsere Tankstellen zu 80 Prozent mit einem eigenen Fuhrpark an und unsere Fahrer sind geschult, Kleinigkeiten selbst zu machen, sei es die Bonrolle oder einen Filter zu wechseln oder nach bestimmten technischen Dingen zu schauen." Führer ist froh, wenn Kunden selber Hand anlegen – so wie Rommel Energie. 90 Prozent der Störungen könnten selbst behoben werden.

Ob die Rechnung trotz aller Synergien aufgehen wird? Führer ist Realist: "Du kannst immer nur fragen: Wie ist heute der Stand der Technik, was habe ich für Möglichkeiten, was wird diskutiert, was macht Sinn?" Sinn macht seiner Meinung nach vor allem, auf die bestehende Tankstellen-Infrastruktur aufzubauen. Selbst wenn Elektroautos irgendwann die gleiche Reichweite bekämen wie Verbrenner: Der Tankvorgang an der AVIA Xpress dauert 2,5 Minuten, der Ladevorgang bei einer 400 KW-Ladesäule aber immer noch zehn Minuten. "Und ein Lkw lädt noch länger", ergänzt Zink.

Politik hat kein Interesse

Rommel hat entschieden, sein Unternehmen nach mehreren Seiten hin technologisch offen aufzustellen - eine Haltung, die er insbesondere in der Gesetzgebung vermisst: "In der Politik fehlt die Technologieoffenheit, das nötige Wissen und das Interesse, sich damit auseinanderzusetzen." Ein Fehler, den andere Tankstellenbetriebe ebenso wie er längst erkannt haben und dem sie eigenverantwortliches und weitsichtiges Handeln entgegensetzen. Führer & Weingartner kann sich deshalb über weitere Interessenten für eine Tankanlage in Edelstahl freuen.

HASHTAG


#Tankstellenbau

MEISTGELESEN


STELLENANGEBOTE


KOMMENTARE

SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!

WEITERLESEN



NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


Sprit+ Online ist der Internetdienst für den Tankstellenmarkt und richtet sich an Tankstellenunternehmer, Waschbetriebe, Mineralölgesellschaften und Verbände. Neben tagesaktuellen Nachrichten mit besonderem Fokus auf die Bereiche Politik, Shop/Gastro, Tank-/Waschtechnik und alternative Kraftstoffe enthält die Seite ein Branchenverzeichnis. Ergänzt wird das Online-Angebot um betriebswirtschaftliche Führung/Personalien und juristische Angelegenheiten. Relevante Themen wie E-Zigaretten, Energiemanagement und Messen findet man hier ebenso wie Bildergalerien und Videos. Unter #HASHTAG sind alle wichtigen Artikel, Bilder und Videos zu einem Themenspecial zusammengefasst. Ein kostenloser Newsletter fasst 2x wöchentlich die aktuellen Branchen-Geschehnisse zusammen. Sprit+ ist offizielles Organ der IG Esso.