Liebe Girocard,
wir müssen reden. Deine einstige Selbstverständlichkeit bekommt Risse. Du warst die "Allerwelts-Karte": als ec-Karte in fast jedem Portemonnaie, an fast jedem deutschen Kassenterminal und für viele Kundinnen und Kunden die erste Wahl. Heute bist Du noch immer die Nummer eins im stationären Einzelhandel. Doch Dein Vorsprung schrumpft.
Die Zahlen zeigen ein ernst zu nehmendes Warnsignal: 2025 hast Du im stationären Einzelhandel einen Umsatz von 204,7 Milliarden Euro erzielt. Das entspricht einem Anteil von 40,5 Prozent – mit einem Rückgang von einem Prozentpunkt gegenüber dem Vorjahr. Visa und Mastercard konnten mit ihren internationalen Debitkarten dagegen zulegen: um 2,5 Prozentpunkte auf inzwischen 9,4 Prozent. (Quelle: EHI-Jahreserhebung 2025)
Und da frage ich mich: Wie konnte es so weit kommen?
Wenn der Platzhirsch den Anschluss verpasst
Ein Teil der Antwort lautet: Du bist nicht allein schuld. Hinter Dir steht eine Deutsche Kreditwirtschaft, die sich bei Themen wie europäischer Nutzbarkeit, digitaler Verfügbarkeit, Wallet-Integration und einheitlicher Kommunikation nicht immer mit Ruhm bekleckert hat. Während Visa und Mastercard ihre Debitkarten als europäische, onlinefähige und mobile Bezahllösung positioniert haben, wirkst Du vielerorts noch wie der gute alte Diesel-Kombi: technisch zuverlässig und unverwüstlich – aber nicht unbedingt das Auto, mit dem man zum ersten Rendezvous vorfährt.
Für Kundinnen und Kunden zählt heute nicht nur, ob eine Karte an der Kasse funktioniert. Sie soll überall dort funktionieren, wo ein Zahlungsvorgang stattfindet. Genau hier haben Visa Debit und Mastercard Debit einen strukturellen Vorteil: Sie kommen mit international bekannten Akzeptanznetzen, werden von vielen Banken aktiv ausgegeben und sind für mobile sowie digitale Nutzungsszenarien bestens vorbereitet. Du hast also nicht plötzlich das Bezahlen verlernt. Vielmehr leidest Du darunter, dass Dein Leistungsversprechen (zu?) lange stark auf den stationären Handel zugeschnitten war. Aber das war einmal eine Stärke. Heute ist es eine Komfortzone mit Ablaufdatum.
Ganz so einfach ist es nicht
Nun könnte man sagen: Dann nehmen Händler eben Visa und Mastercard. Ganz so einfach ist es aber nicht. Deine durchschnittliche Autorisierungsgebühr ist zwar leicht gestiegen. Die intransparenten Entgelte von Visa und Mastercard steigen allerdings ebenfalls dauerhaft.
Für Tankstellen bleibst Du ein wichtiger Bestandteil des Akzeptanzmixes. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Kostenrealität. Wer große Transaktionsvolumina abwickelt, schaut sehr genau auf jeden einzelnen Gebührenbestandteil. Kartenzahlung gehört zum Tagesgeschäft, die Frequenz ist hoch und die Margen sind nicht beliebig dehnbar. Wenn ein größerer Anteil der Zahlungen an Dir vorbeiläuft, kann das die monetäre Belastung spürbar erhöhen. Der Tankstellenbetreiber tankt dann nicht nur Kraftstoff in die Fahrzeuge, sondern auch zusätzliche Gebühren in seine Kostenstruktur.
Wie machen wir jetzt weiter?
Mit diesem Wissen bleibt die Frage: Wie machen wir jetzt weiter? Händler sollten den Wandel zunächst messen, statt ihn nur pauschal zu beklagen. Wie entwickelt sich der Kartenmix? Welche Gebühren fallen je Verfahren effektiv an? Wie hoch sind Transaktionsvolumen oder Durchschnittsbeträge? Und mit dieser Klarheit sollten Händler dann aktiv werden: Transparente Gebührenmodelle, moderne technische Funktionen, verlässliche Wallet- und Online-Lösungen sowie eine bessere Kommunikation sind weder Luxuswünsche noch Widersprüche.
Es braucht am Ende einen ausgewogenen Mix. Nicht "entweder oder", sondern "so effizient wie möglich" lautet die vernünftige Devise. Und es ist an der Zeit, dass alle Parteien nicht länger übereinander, sondern wieder miteinander reden – offen, konstruktiv und mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft.
Die Zeit drängt
Ob sich der Trend temporär fortsetzt? Wahrscheinlich ja – zumindest so lange Visa und Mastercard konsequenter auftreten und Du noch Deine Rückstände aufarbeitet. Besonders problematisch wird es, wenn Banken Dich verschmähen oder nur noch eingeschränkt ausgeben. Dann kann der Händler Deine Attraktivität kaum allein retten. Er kann Dich unterstützen, aber in die Portemonnaies bringen kann er aber Dich nicht.
Liebe Girocard, Du machst es mir nicht einfach: Ich kann mich noch an die gute, alte Zeit mir Dir erinnern, wo Dich nur das Lastschriftverfahren als Nebenbuhler geärgert hatte. Aber jetzt müsstest Du nur mir zeigen, dass Du nicht bloß die Romanze von gestern bist, sondern auch eine überzeugende Liaison für morgen.
In diesem Sinne: Die Spannung bleibt, der Optimismus auch.
Dein Händler
Im richtigen Leben heißt "Der Händler" Oliver Behrens. Er ist seit 2018 Leiter Zahlungssysteme und Mobilitätstechnologien bei der Deutschen Tamoil (HEM). Zuvor war er lange für das Thema Payment bei Orlen Deutschland zuständig. Was ihn an der Thematik reizt: "Tankstellen und Payment passen seit jeher gut zusammen, das hat mich von Tag 1 an fasziniert. Heute treiben Digitalisierung und Payment die Entwicklung von Innovationen und neuer Mobilitätshubs aktiv voran. Sprich: Es war und wird nie langweilig."