Freitag, 13.12.2019
21.11.2019
   

Politik

Die Verkehrswende in Städten soll Fahrt aufnehmen.

Verkehrswende soll Tempo aufnehmen

Wie der Stadtverkehr entspannter und umweltschonender werden kann, beschäftigt nicht nur genervte Autofahrer und Anwohner. Die Politik will einen gemeinsamen Impuls geben. An Geld soll es nicht scheitern.

Pendler-Staus, fehlende Radwege, dicke Luft: Der Verkehr in deutschen Städten ist für Millionen Menschen tagtäglich eine ziemliche Strapaze. Dabei haben viele Kommunen eine grundlegende Wende schon im Blick: Nach der jahrzehntelang vorherrschenden Devise der "autogerechten Stadt" soll umgesteuert werden, damit Busse und Bahnen, Radler und Fußgänger bessere Bedingungen bekommen. Aus dem milliardenschweren Klimaschutzprogramm der Bundesregierung soll in den kommenden Jahren deutlich mehr Geld bereit stehen. Bund, Länder und Kommunen wollen das jetzt auch mit neuem Schwung nutzen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beschwor am Donnerstag in Berlin eine "Aufbruchstimmung für moderne Mobilität". Lange hätten Projekte mangels Finanzierung abgelehnt werden müssen, nun heiße es: "Greift ab, lasst Euch was einfallen!" Impulsgeber dafür soll ein nun gegründetes "Bündnis" sein, in dem sich Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände abstimmen und Themen voranbringen wollen. Scheuer zeigte sich schon offen, über "mehr Freiheiten für die Kommunen" zu reden. Das gelte etwa dafür, Tempo-30-Zonen leichter einrichten zu können - nicht nur vor Schulen, sondern auch auf Schulwegen. Den Höchstpreis für Anwohnerparkausweise müsse auch nicht der Bund regeln.

Der Vizepräsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Städte seien zuversichtlich, dass die vielbeschworene Verkehrswende an Fahrt gewinnen könne. Dabei sei das Ziel klar: Noch mehr Menschen sollen mit dem öffentlichen Nahverkehr, auf dem Rad oder zu Fuß mobil sein. Verbindungen zum Umland müssten so verbessert werden, dass mehr Pendler das Auto stehen lassen und die Luft in Städten sauberer wird.

Zwölf Fahrräder passen auf einen Autoparkplatz

Konkret gibt es eine Reihe von Ideen, die Umsetzung ist aber nicht ganz leicht. Da ist die Aufteilung des Verkehrsraums in den Städten: Muss die Einkaufsstraße wirklich vierspurig sein? Sollen Parkplätze weg, damit Fußgänger und Radler dort einen entspannten und sicheren Bereich für sich bekommen? Der Allgemeine Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) will Bürgermeistern bei solchen Entscheidungen zur Seite stehen, wie Geschäftsführer Burkhard Stork sagte. "Wir werden da sein, wenn das Geschrei losgeht, dass ohne diesen Parkplatz der Einzelhandel bankrott geht." Auf einen Autoparkplatz passten nämlich zwölf Fahrräder. "Da werden zwölf Portemonnaies mitgebracht."

Konfliktstoff birgt es auch, Parken teurer zu machen. Argument der Befürworter: Das könnte manche dazu bringen, dass sie in der Stadt doch auch ohne eigenes Auto gut zurechtzukommen. Derzeit liegt die Obergrenze für Anwohnerparkausweise bundesweit bei 30,70 Euro pro Jahr, die aber nicht überall ausgeschöpft wird. Es könne nicht sein, dass in Berlin nur zehn Euro fällig werden, moniert der Verkehrsclub Deutschland (VCD). Der Autofahrerclub ADAC ist für mehr Spielraum bei Gebühren. Unbedingt sollte aber eine Obergrenze bleiben, um soziale Härtefälle zu vermeiden, mahnte Vizepräsident Gerhard Hillebrand. In Anwohnerbezirken brauche es auch weiterhin "ausreichend Parkraum".

Die Ideenliste der "neuen Mobilität" ist auch sonst noch lang. Der wegen vieler Online-Käufe zunehmende Lieferverkehr mit Paketen kann auf E-Antriebe oder Lastenräder umgestellt werden - und häufiger ins Büro führen statt in tagsüber verwaiste Wohnungen. Neugestaltungen von Straßen mit mehr Platz für Radler könnten zunächst für einige Monate getestet werden. Ebenso neue Ampelschaltungen zugunsten von Bussen und Radlern oder zumindest auf bestimmten Abschnitten eine Umkehr der Regel, dass Tempo 50 normal ist und Tempo 30 die Ausnahme.

Mehr Geld für Regionalverkehr

Für den Regionalverkehr in ganz Deutschland will der Bund mehr Geld locker machen. Von 2020 bis 2023 sollen die Länder insgesamt 1,2 Milliarden Euro extra aus Berlin bekommen, um Bus- und Zuglinien bei Verkehrsanbietern zu bestellen. Derzeit sind es jährlich rund 8,6 Milliarden Euro. Auch Mittel für Kommunen sollen aufgestockt werden.

Die Vorsitzende der Länder-Verkehrsminister, Anke Rehlinger (SPD) aus dem Saarland, sagte, nötig seien nun konkrete Gespräche zur Umsetzung von Projekten. Damit Menschen aufs Rad umsteigen, müsse das Fahren sicher und gut machbar sein, etwa mit Abstellplätzen. Und verbotenes Parken auf Radspuren müsse auch kontrolliert und geahndet werden.

Der Opposition reichen die Pläne nicht. Die Linke sprach von einer "Mobilitätswende in Trippelschritten". Die Aspekte seien nicht falsch, aber zu zaghaft und zu wenig, sagte Parteichef Bernd Riexinger. Noch immer werde der Autoverkehr stärker subventioniert als die Schiene, noch immer sei Fliegen oft billiger als Bahnfahren. (dpa)

 

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