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Unternehmensführung: Betriebsübergabe richtig gestalten

13.08.2018 16:25 Uhr
Unternehmensführung: Betriebsübergabe richtig gestalten
Die wichtigste Frage bei einem Betriebsübergang: Wie finde ich den passenden Nachfolger? Der wichtigste Faktor dabei: Zeit, um zu planen, zu gestalten, umzusetzen und einzuarbeiten.
© Foto: picsfive/stock.adobe.com

Ein Betriebsübergang muss sorgfältig und rechtzeitig geplant werden. Was dabei beachtet werden sollte, erklärt Rechtsanwalt Martin J. Warm.

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Jeder Unternehmer stellt sich während der Laufzeit seines Betriebes irgendwann einmal die Frage, ob er ewig so weitermachen kann und will. Was kommt danach? Was ist, wenn ich von heute auf morgen nicht mehr einsatzfähig bin? Wie geht es weiter? Fest steht: Der Moment, in dem eine Entscheidung fallen muss, wie es beim eigenen Rückzug mit dem Unternehmen weitergehen soll, wird kommen. Eine gute Nachfolgeplanung ist jedoch äußerst individuell und oftmals sehr komplex. Schließlich geht es im Wesentlichen darum, Vermögen und Arbeitsplätze zu erhalten und die passive Arbeitszeit des Übergebenden finanziell abzusichern.

Wichtig ist, den Zeitraum nicht zu unterschätzen. Ein Betriebsübergang ­benötigt Zeit: zum (Vor-)Denken, zum Planen, zum Gestalten, zum Umsetzen, zur Einarbeitung. „Wie finde ich den geeigneten Nachfolger?“, lautet die Kern­frage. Viele Protagonisten spielen dabei eine große Rolle: der Übergebende, der Nachfolgekandidat, Lieferanten, Banken, Mitarbeiter, Kunden und ganz bestimmt auch die Familie.

Wirtschaftliche Einheit
Rechtlich bedeutsam bei einem Betriebsübergang ist die Wahrung der Identität der wirtschaftlichen Einheit. Es ist ein Rechtsgeschäft, dessen Rechte und Pflichten in Bezug auf bestehende Arbeitsverhältnisse in § 613 a BGB geregelt werden. Ein Übergang wird vertraglich geregelt.

Der Begriff der „wirtschaftlichen E­inheit“ bezieht sich auf eine organisierte Gesamtheit von Personen und Sachen zur Ausübung einer wirtschaftlichen Tätigkeit mit eigener Zielsetzung. Bei der Prüfung, ob eine Einheit übergegangen ist, müssen sämtliche den betreffenden Vorgang kennzeichnenden Tatsachen berücksichtigt werden:

  • die Art des betreffenden Unternehmens oder Betriebs
  • der etwaige Übergang der materiellen Betriebsmittel wie Gebäude und bewegliche Güter
  • der Wert der immateriellen Aktiva zum Zeitpunkt des Übergangs
  • die etwaige Übernahme der Hauptbelegschaft durch den neuen Inhaber
  • der etwaige Übergang der Kundschaft
  • der Grad der Ähnlichkeit zwischen den vor und nach dem Übergang verrichteten Tätigkeit
  • die Dauer der eventuellen Unter­brechung dieser Tätigkeit

Ein Betrieb, der im Wesentlichen auf der menschlichen Arbeitskraft basiert und ohne Betriebsmittel auskommt, kann auch durch die Gesamtheit der Arbeitnehmer, die durch eine gemeinsame Tätigkeit dauerhaft verbunden sind, charakterisiert werden. Im Gegensatz dazu kann ein Betrieb, der durch Betriebsmittel geprägt ist, auch ohne Übernahme von Personal übergeben werden.
Übernommen werden alle Arbeitsverhältnisse, egal ob es sich um Berufsausbildungsverhältnisse oder leitende Angestellte handelt. Neue Arbeitsverträge sind nicht notwendig, die bestehenden Verträge haben weiterhin Bestand.

Übergabe an Familienmitglieder
Die Weiterführung eines Betriebes wird häufig durch ­Familienmitglieder gesichert. Eine Übergabe kann durch eine Schenkung im Falle einer Erbfolge erfolgen. Dabei wird das Vermögen dem Nachfolger noch zu Lebzeiten des Inhabers überlassen. Auch wenn das Unternehmen im Familienkreis verbleibt, kann der Nachfolger es kaufen. Weitere Möglichkeiten sind eine Betriebsaufspaltung oder die Gründung einer Personen- oder Kapitalgesellschaft.

Im Idealfall wird die Übergabe von langer Hand ­geplant und sorgfältig vorbereitet. Der Nachfolger hat es leichter, wenn er schon im Unternehmen involviert ist und Abläufe und Besonderheiten kennt. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Senior hilft, Prozessabläufe zu kennen und so Schritt für Schritt in die eigene Verantwortung hinein­zuwachsen. Eine sukzessive Aufgabenübertragung sollte mit einer schrittweisen Zurückziehung des Seniors einhergehen. Zwischen Junior und Senior sollte die Rollenverteilung klar sein: Sieht der Senior im Nachfolger immer „das unerfahrene Kind“, ist eine Übergabe nicht erfolgreich.

Außerdem ist es wichtig, die Übergabe transparent zu gestalten und die Mitarbeiter einzubeziehen. So fü­­h­len diese sich nicht übergangen. Der neue Inhaber kann vom Wissen seiner Mitarbeiter, die vielleicht schon länger im Unternehmen sind als er, nur profitieren, wenn er sich

Respekt und Anerkennung verschafft. Hierfür ist auch eine offizielle Übergabe zum Beispiel durch eine feierliche Bekanntgabe im Rahmen einer Betriebsversammlung hilfreich.
Probleme sind vorprogrammiert, wenn der Nachfolger gar nicht wirklich an der neuen Aufgabe interessiert ist, sondern in seine Rolle hineingedrängt wird. In diesem Falle sollte der Inhaber von einer familieninternen Weiterführung Abstand nehmen, um die erfolgreiche Zukunft seines Unternehmens zu sichern. Dabei stehen ihm verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl:

Einsatz eines Familienfremden
Management-Buy-out: Die Mitarbeiter, die den Betrieb und die Abläufe kennen, kaufen den Betrieb und führen ihn fort.
Management-Buy-in: Hier werden externe Führungskräfte eingekauft. Diese bringen frischen Wind ins Unternehmen und kennen sich mit Führungsaufgaben aus.
Das Gleiche trifft zu, wenn ein Nachfolger plötzlich und unerwartet eine solche Rolle übernehmen muss, etwa wenn der Senior erkrankt oder verstirbt.

Altersversorgung
Ein wichtiger Aspekt, über den sich der Nachfolger Gedanken machen sollte, ist die Altersversorgung des Übergebenden. Diese wird schließlich überwiegend über die Firma laufen. Möglichkeiten sind zum Beispiel eine Leibrente (ein fester Betrag, der regelmäßig bis zum Tod gezahlt wird); eine Zeitrente (hier zahlt der Nachfolger für einen gewissen Zeitraum eine Rente) oder eine dauernde Last (die Zahlung richtet sich hier nach den wirtschaftlichen Verhältnissen des Unternehmens).

Übergabe an Externe
Für einen Externen kann eine Betriebsübernahme durchaus attraktiv sein. Er findet einen Kundenstamm vor, ein ein­gearbeitetes Team von Mitarbeitern, ein Betriebsinventar. Image und Ruf des Unternehmens sind fixiert und er kann von den bestehenden Verbindungen profitieren.

Der Unternehmenswert spielt für einen Familienfremden natürlich eine Rolle. Hier wird unterschieden zwischen dem Substanzwert und dem Firmenwert. Der Substanzwert entspricht dem Verkehrswert der verkauften Wirtschaftsgüter (Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Werkzeuge, Betriebseinrichtungen, Fahrzeuge und Warenlager). Der Firmenwert dagegen ist der finanzielle Gegenwert für den Kundenstamm, den Standort und das Know-how des Unternehmens. Dieser Wert ist abhängig von den künftigen Gewinnerwartungen, für deren Berechnung die Zahlen aus der Vergangenheit als Grundlage dienen. Aus den Bilanzen der letzten drei bis fünf Jahre lässt sich ein solcher Ertragswert erkennen.

Für die Übergabe an einen Externen ist es wichtig, einen realistischen Übergabepreis festzusetzen. Mit dem Kauf ­gehen Nutzen und Lasten des Betriebs an den neuen Inhaber über. Die Eigentums­verhältnisse sind dadurch eindeutig ge­regelt. Die Finanzierung kann auch durch eine laufende Rentenzahlung abgewickelt werden.

Bestehende Arbeitsverhältnisse
Der neue Inhaber tritt in die Rechte und Pflichten aus den im Zeitpunkt des Übergangs bestehenden Arbeitsverhältnissen des alten Inhabers ein. Gibt es Tarif­ver-
­­trä­ge oder Betriebsvereinbarungen, so w­erden die darin festgehaltenen Regelungen übernommen und dürfen nicht vor Ablauf eines Jahres nach der Übernahme zum Nachteil des Arbeitnehmers geändert werden.

Kompliziert ist die Frage der Haftung für Verpflichtungen aus Arbeitsverhältnissen, die nach der Übergabe weiterhin bestehen. Der ehemalige Inhaber h­aftet ­gesamtschuldnerisch mit dem neuen ­Inhaber für solche Verpflichtungen, die noch während seiner Amtszeit entstanden sind – aber nur bis zu einem Jahr nach der Übergabe. Werden solche Verpflichtungen erst nach dem Ablauf eines Jahres fällig, so haftet er nur anteilmäßig bis zum A­blauf des Jahres.

Den übernommenen Arbeitnehmern darf aus dem Grund der Betriebsübergabe heraus keine Kündigung ausgesprochen werden, weder vom alten noch vom neuen Inhaber. Eine solche Kündigung ist ­unwirksam. Das Recht zur Kündigung aus anderen Gründen bleibt bestehen.

Wichtig ist zudem die Informationspflicht: Die Arbeitnehmer müssen vor dem Übergang in Schriftform über den Zeitpunkt und den Grund des Übergangs unterrich­­tet werden. Außerdem müssen sie über die rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen informiert werden und über Maßnahmen, die sie betreffen. Im Gesetz ist festgehalten, dass diese Information so formuliert sein muss, dass auch L­aien sie verstehen und sich über die recht­lichen Konsequenzen des bevorstehenden ­Betriebsüberganges im Klaren sind.

Die rechtlichen Folgen müssen präzise dargestellt werden und dürfen keine juristischen Fehler enthalten. Die Arbeitnehmer haben ein Veto-Recht: Innerhalb eines Monats nach der Bekanntgabe können sie schriftlich entweder dem neuen oder dem alten Inhaber gegenüber ihren Widerspruch äußern.

Erwartungen respektieren
Die größtmöglichen Erfolgsaussichten für eine gelungene Unternehmensnachfolge bestehen dann, wenn die wechselseitigen Interessen von Übergebendem und Übernehmendem auch in den vertraglichen Vereinbarungen respektiert und berücksichtigt werden. Dazu bedarf es insbesondere des Einsatzes von Beratern, die den Vorgang mit Empathie und dem notwendigen Fingerspitzengefühl begleiten.

Martin J. Warm, Rechtsanwalt und Fachanwalt,­ Warm & Kollegen Rechtsanwälte, Paderborn

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