Donnerstag, 22.11.2018
16.02.2016
   

Interview

Manfred Dehn

Das Ehepaar Dehn: nicht mehr an der Station, ­sondern bei der Hochzeit ihrer Tochter 2015.

Journalist mit Stift und Tanke

Manfred Dehn hat vor 25 Jahren die Zeitschrift tankstellen markt gegründet. Wie es dazu kam und warum es hilfreich war, dass er selbst eine Tankstelle betrieben hat, erzählt der heute 72-Jährige im Interview.

Herr Dehn, bereits vor der Gründung der Zeitschrift tankstellen markt 1991 haben Sie ein Branchenmagazin betreut. Wie kam es dazu?
Nach über einem Jahrzehnt im Fachverlag der Südwest Presse gründete ich 1981 gemeinsam mit meiner Frau ein Redak­tionsbüro. Im selben Jahr noch kam vom Verlag der Fachzeitschrift „Tankstelle“ der Auftrag, die Verantwortung als Chefredakteur zu übernehmen.

Hatten Sie davor irgendwelche Kenntnisse von der Tankstellenbranche?
Außer dass ich regelmäßiger Tank- und Waschkunde war: nein. Ich arbeitete also ein paar Jahrgangsbände der „Tankstelle“ durch, hörte mich bei meiner Stammtankstelle um und ließ mich vom damaligen Primus inter pares der Fachverbände, Wolfgang Penka, in die Problematik der Branchenstruktur einführen. Für die tägliche Praxis an den Stationen hatte ich zum Glück die Leser. Und die haben mir rasch den Rest der komplizierten Zusammenhänge beigebracht.

Trotz erfolgreicher Zusammenarbeit trennten sich die Wege allerdings wieder …
Ja. Ausschlaggebend waren für mich nach knapp acht Jahren als Chefredakteur der „Tankstelle“ unterschiedliche Einschätzungen der künftigen Entwicklung: Der Weg ging immer weiter weg von den ursprünglich erfolgreichen Schraubern in der Halle zum ausgebauten Shop. Der Umbruch vom Kassenkiosk zum Ladengeschäft mit Convenience-Sortiment und Backoffice verlangte nach einer neuen Zeitschriftengestaltung samt farbiger Darstellung. Der Schwarz-Weiß-Druck auf holzhaltigem Zeitungspapier konnte nicht länger neben der Hochglanzoptik der Mineralölhauspostillen bestehen.

Und der Verlag wollte diesen Weg nicht mitgehen?
Es hätte rascher verlegerischer Entscheidungen bedurft, denn die Entwicklung nahm rasantes Tempo auf. Die Verantwortung einer verschleppten Entscheidung wollte ich nicht mittragen. Unsere Wege trennten sich und ich gründete meine eigene Zeitschrift, den tankstellen markt.

Wie sind Sie auf den Namen gekommen?
Weil genau das meiner Meinung nach der künftige wirtschaftliche Weg jeder Straßentankstelle sein musste: Die Tankstelle als Marktplatz mit Angeboten in enger Anlehnung an Bedarf und Eigenart des jeweiligen mobilen Kundenkreises einschließlich der Tante-Emma-Funktion für die Nachbarschaft. Für die Leser wiederum hieß das Konzept: „Ein Markt der Erfahrungen und Meinungen – von Kollegen für Kollegen.“

Und wie wollten Sie diese Strategie in Ihrem Heft um­setzen?
Der tankstellen markt sollte diesen Themen nicht nur Raum geben, sondern sie weiterspinnen, beurteilen und sachgerecht kommentieren, indem die Leser mit ihren jeweiligen Sorgen und Erfolgen konkret einbezogen wurden. Wir wollten zeigen, wie es andere machen, am besten mit Bildern. Es schien uns der richtige Weg, dem im Tankstellenbetrieb immer gestressten und vom Kundenverkehr unterbrochenen Leser genügend Eye-Catcher mit Bildunterschriften auf jeder Seite zu bieten.

Eigene Erfahrungen konnten Sie ja auch in das Projekt einbringen. Schließlich haben Sie ein Jahr lang selbst eine Tankstelle betrieben. Wie kam es dazu?
Schon während meiner Zeit bei „Tankstelle“ war es mein Wunsch gewesen, einmal für ein paar Wochen eine Station zu betreiben, um die ganzen Geschichten und Episoden hautnah selbst zu erleben – natürlich unter Einschluss der Gängelungs- und Druckmaßnahmen, von denen mir so viel erzählt wurde. Über einen Beratervertrag mit einem Autohaus samt angeschlossener atypischer Händler-Station in einem Ulmer Industriegebiet bin ich zufällig zur eigenen Station gekommen. Es folgte ein intensives Jahr – für meine ganze Familie. Das Garn der unzähligen Tankstellen-Anekdoten konnten wir fortan mit eigenen Erfahrungen abgleichen.

Ein wirklicher Familienbetrieb also?
Ja. Meine Frau übernahm die Theke, wenn ich mit meinem Tankwart die neugebaute Waschstraße generalreinigte oder mich in der Fehlschicht trotz Höhenangst auf die Leiter stellte, um die Hochmast-Preisanzeige mit den immer zu knappen Plastikziffern zu bestücken. Und meine Tochter machte am Nachmittag im zugestellten Container Hausaufgaben, wenn sie nach der Schule keiner nach Hause begleiten konnte. Profitiert haben die Leser von tankstellen markt von meiner Episode als Betreiber dann kurz darauf, weil ich nicht mehr ungläubig staunte, wenn man mir scheinbar Haarsträubendes erzählte.

2007 haben Sie den tankstellen markt schließlich an der Verlag Springer Transport Media verkauft. Warum?
Ich hatte nie ernsthaft einen Verkauf erwogen, bis mir nach einem Infarkt im Auge die Arbeit am Bildschirm zunehmend Mühe machte. Das Angebot von Springer kam da zur rechten Zeit und damals von den rechten Leuten.

Was hat Ihnen eigentlich mehr Spaß gemacht: Tankstellenbetreiber oder Chefredakteur?
Mein Beruf ist der Journalismus. Dass ich in die Tankstellenbranche geraten bin, betrachte ich als eine Fügung, der ich immer noch viel abgewinnen kann – nicht immer freilich nur Glücksgefühle. Denn gemessen an meinen Absichten, mit engagiertem Journalismus für die Rechte der Tankstellenbetreiber einzutreten, habe ich nicht das erreicht, was ich für die Branche wollte. Sicher versteht mich da mancher Tank­stellenbetreiber am besten. Immerhin habe ich manche Entwicklung besser abgeschätzt als teuer bezahlte Auguren: Das immer wieder angesagte Tankstellensterben hat nicht stattgefunden.

Das Gespräch führte Annika Beyer.

 

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