Dienstag, 25.09.2018
06.09.2018
   

Nachtschicht

Nachtschicht Total Autohof

Auch in der Nacht ist der Autohof kein einsamer Ort, sondern stets gut besucht.

Laie unter Profis

Für eine (halbe) Nacht besuchte Sprit+-Redakteurin Julia Richthammer den Total-Autohof von Martin Reif an der A3 bei Regensburg. Das Ziel: viele offene Fragen beantworten. // Mit Bildergalerie

Was ist der größtmögliche Kontrast für eine Redakteurin, die tagsüber am Schreibtisch arbeitet? Eine Nachtschicht in der Tankstelle. Welche Aufgaben gibt es dort zu erledigen? Unterscheiden sich die Tag- und die Nachtkunden? Ist es nachts nicht ­etwas unheimlich? Wie hält man sich die ­ganze Zeit wach? Fragen über Fragen. Es gibt nur eine Möglichkeit, diese zu beantworten: Ich mache selbst eine Nachtschicht mit.

Und so starte ich meinen nächtlichen Einsatz an einem Dienstagabend um 22 Uhr am Total-Autohof von Betreiber Martin Reif in Barbing-Unterheising bei Regensburg. Der Wind weht und der Himmel wird immer wieder von Blitzen erhellt. Die Kulisse wäre also schon mal passend, um herauszufinden, ob eine Nachtschicht gruselig ist (Spoiler: Nein, ist sie nicht). Die Station liegt an der A3 und ist immer gut besucht. Dass gerade Sommerferien sind, merkt man, sagen sowohl der Betreiber als auch die Mitarbeiter. Es ist noch mehr los als üblich. Das und die Tatsache, dass bei Reif im Autohof nachts grundsätzlich zwei Mitarbeiter arbeiten, sorgt für den Mangel an Gruseligkeit.

Nächtliche Skurrilitäten

Am heutigen Abend sind die Nachtschichtmitarbeiter Jola Kudala und Milan Krajcoviech, dazu kommt Julia, die zum Probearbeiten da ist. Die beiden Stammkräfte arbeiten immer nachts. Wechsel gibt es nur zwischen Früh- und Spätschicht. „Der Körper kann sich sonst nicht umstellen. Nur wer immer die Nachtschicht macht, ist es gewohnt“, begründet Reif die Schichtplanung. Kudala und Krajcoviech arbeiten gern in der Nacht und haben sich ­extra dafür beworben, erzählen sie. Die Arbeitszeiten haben Vorteile: Tags­­über können sie sich um die Familie kümmern, in Ruhe einkaufen oder andere ­Besorgungen ­machen.

Der Chef verlässt den Autohof um 22.30 Uhr, aber nicht, ohne mir vorher ein paar Fragen zu beantworten. Im Gegensatz zu seinen Mitarbeitern hat er keine festen Arbeitszeiten, er ist jeden Tag da, auch am Wochenende. Im Bistro sitzen zu dem Zeitpunkt noch einige Gäste. Die Portionen sind groß und werden auch aufgegessen, genau richtig für hungrige Fernfahrer.

Welche skurrilen Erlebnisse die Nachtschicht mit sich bringt, ­interessiert mich ganz besonders. Der Pächter Reif muss lachen, als ich ihm die Frage ­stelle. Ich solle doch Kudala nach der Frau im Rock und sonst nichts fragen, rät er. Kudalas Augen werden groß, als ich ihr davon erzähle: „Das hat er gesagt?“ Während sie dachte, diese Geschichte solle besser ­unter Verschluss bleiben, sagt Reif: „Wir haben keine Geheimnisse.“

Deshalb höre ich dann die ganze Geschichte: In der Woche zuvor, während der langen Hitzewelle, war eine Frau in Minirock, bis auf ein paar Ketten ­ansonsten unbekleidet, in die Tankstelle gekommen. Sie habe in aller Ruhe eine Zigarettensorte ausgesucht, weil ihre ­übliche Marke ausverkauft war, danach habe sie die Station verlassen, ohne irgend­ein Anzeichen, dass hier gerade etwas Unübliches passiert sei. Ein weiterer Kunde, der Krajcoviech und Kudala im ­Gedächtnis blieb, war ein Mann in Highheels und weißem ­Badeanzug („Da hat man alles gesehen“, sagt Kudala verschwörerisch), der auf dem Roller an den Autohof kam. Auch für ihn ein völlig normaler nächtlicher ­Einkauf. Für die Mitarbeiter ist es dagegen eine herrliche Anekdote, sie lachen immer noch herzlich, als sie davon ­erzählen.

Autohof als Fundbüro

Vergessene Autoschlüssel und Geldbeutel, die nie abgeholt werden, sind fast schon Routine, das erstaunt die Nachtschichtler nicht mehr. Eher ungewöhnlich war dagegen ein Fall, bei dem eine Frau den Rollstuhl ihres Sohnes vergessen hat. „Kofferraum auf, Rollstuhl stehen gelassen, Kofferraum zu, dann sind sie weggefahren“, erzählt Krajcoviech. Eine Stunde später standen sie wieder im Autohof. Erst am Hotel war ihnen aufgefallen, dass der Rollstuhl fehlt.

Die Nachtschicht ist aber nicht immer amüsante Routine. Manchmal kommt es auch vor, dass sich zwei Lkw-Fahrer nach einem Unfall so heftig streiten, dass die Mitarbeiter die Polizei rufen müssen. Oder ein Fahrer fährt nachts, ohne es zu merken, das Dach der Tankstelle an. Dann hilft es auch nicht, dass Milan aus der Küche stürzt und versucht, ihn aufzuhalten.

Auffüllen, putzen, vorbereiten

Welche Aufgaben es in der Nachtschicht zu erledigen gibt, fasst Krajcoviech kurz und prägnant zusammen: „Nachtschicht ist mehr Putzen als Verkaufen.“ Warme Speisen gibt es bis 23 Uhr, danach muss die Küche sauber gemacht werden. Die ­Tische im Bistro, die Theke mit den Backwaren, die Kaffeemaschine, Toiletten und Duschen, alles wird im Laufe der Nacht geputzt. Außerdem werden Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen. Ab vier Uhr fahren die ersten Lkw los und die Fahrer möchten zuvor ihr Frühstück. Außerdem sollen es die Kollegen der Frühschicht beim morgendlichen Ansturm leichter haben.

Ich helfe Kudala dabei, die Getränke in den Kühlschränken aufzufüllen. Kudala erkennt mit einem kurzen Blick, wie viele Dosen oder Flaschen im jeweiligen Fach fehlen. Würde ich das alleine machen, müsste ich wohl bei jeder ­Getränkesorte dreimal vom Shop ins Lager und wieder zurück laufen, weil ich immer zu viel oder zu wenig dabei hätte. Getränke, Schokolade, Chips, Snacks: Was wir nicht auffüllen können, weil die Lieferung erst am nächsten Tag kommt, räumen wir im Regal nach vorne. „Die Kunden sollen sehen, dass noch was da ist“, erklärt Kudala. Meine Überlegung, ob es die Kunden vielleicht zu Panikkäufen animiert, wenn die ­Regale halb leer sind, bringt sie zum Lachen. Ein ernstzunehmender Vorschlag ist das aber nicht.

Der vielleicht größte Unterschied zwischen der Tag- und Nachtschicht ist das Verhältnis zu den Kunden. Während der Nachtschicht kommen oft Stammkunden und sowohl sie als auch die Mitarbeiter haben mehr Zeit als tagsüber, die sie auch mal für einen kurzen Plausch nutzen. Die Stammkunden werden mit großem Hallo begrüßt, man tauscht sich aus und nimmt „das Übliche“. „Bei den meisten Stammkunden wissen wir genau, was sie kaufen“, bestätigt Kudala. „Den gleichen Kaffee, die gleichen Zigaretten. Wenn jemand mal was anderes nimmt, bin ich fast überfordert“, scherzt sie.

Feste Zeiten, feste Aufgaben

Nicht nur die Kunden sind Gewohnheitstiere, auch die Mitarbeiter haben feste Zeiten und feste Aufgaben. Um 23 Uhr zum Beispiel macht ­Krajcoviech die Küche sauber, um 23.30 Uhr macht Kudala den Tagesabschluss. Um 1.30 Uhr backt Krajcoviech die ersten Backwaren auf, während Kudala die Waschräume säubert. Gegen vier Uhr beginnen die beiden gemeinsam, Brötchen zu ­belegen und die Waren für die Theken vorzubereiten. Die Arbeiten haben sie aufgeteilt, je nach Vorlieben und Voraussetzungen. Bei Problemen helfen sie sich aber immer gegenseitig.

Überhaupt ist der Umgang der beiden miteinander sehr freundschaftlich. Krajcoviech versorgt Kudala mit Obst und Gemüse, ­erzählt sie mir. Da geht sie auch gleich zum Kühlschrank und wirft einen Blick hinein. „Heute gibt’s Wassermelone“, freut sie sich. Abgesehen von den gesunden Snacks essen sie nicht viel während der Pausen ihrer Schicht. Die Nachtschicht ist von der ­Arbeitszeit her vergleichbar mit einem normalen Arbeitstag, bei Reifs Autohof dauert sie von 21.45 bis 6.15 Uhr. Einerseits verständlich, dass eine Arbeitsnacht nicht von einer Pause mit großem Essen geteilt wird, schließlich isst man während der Nacht auch nichts. Mit der Gewohnheit, dass meine Arbeitszeit vom Mittagessen unterbrochen wird, kann ich mir andererseits achteinhalb Stunden Arbeit nur mit kleinen Snacks kaum vorstellen.

Vorzeitiges Schichtende für mich

Völlig inkompetent sehe ich scheinbar nicht aus hinter dem Tresen, denn der nächste Kunde fragt mich, ob es für seine Flasche Pfand gibt. Ich zucke die Schultern und versuche, bei ­völliger Ahnungslosigkeit zumindest freundlich zu lächeln, bis mich sogleich Krajcoviech rettet und die Flasche zurücknimmt. Den Profis nicht im Weg zu stehen, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben.
Um 1.03 Uhr bin ich seit 19 Stunden auf den Beinen und stelle fest, dass mein Körper leider nicht an die Nachtschicht ­angepasst ist. Meine Kollegen für eine Nacht sind deutlich ­fitter als ich. Für sie hat der Arbeitstag erst richtig begonnen. Kurz ­darauf beende ich die Schicht etwa fünf Stunden vor den beiden – mit vielen beantworteten Fragen im Gepäck.

(Autorin: Julia Richthammer; der Artikel erschien in Sprit+ Ausgabe 9/2018)

Bildergalerien

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